

Reviewer Sebastian Rojek - Universität Stuttgart
CitationDie Binnengeschichte des Deutschen Kaiserreichs wird gerne anhand zweier führender Persönlichkeiten periodisiert. Während die Zeit von 1871 bis 1890 als „Bismarckreich“ firmiert, gelten die folgenden Jahre bis 1918 als „wilhelminische Zeit“.[1] Diese etablierte Einteilung anhand der „Repräsentanten eines Epochenwechsels“[2] hat allerdings dazu geführt, dass die Forschung zu Wilhelm II. und Bismarck kaum mehr überschaubare Ausmaße angenommen hat, während der erste Kaiser, Wilhelm I. (1797-1888), im Schatten des „eisernen Kanzlers“ und des Enkels so gut wie unsichtbar geblieben ist. Friedrich III. wiederum taugte aufgrund der Kürze seiner Herrschaft ohnehin nie zur Epochenfigur.[3] Wilhelm I. erstmals ausführlich zu beleuchten, schicken sich nun mehrere neuere Studien an, zu denen diese Dissertation aus der Feder – oder wahrscheinlich eher der Tastatur – des Utrechter Historikers Frederik Frank Sterkenburgh gehört. Sein Buch beruht auf dem Material aus sechs Archiven, zahlreichen Zeitungen sowie vor allem zeitgenössischen Veröffentlichungen und der kritisch ausgewerteten Forschungsliteratur.
Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die Beobachtung: «Historians deny Wilhelm I the political agency that could have allowed him to exercise the imperial role and could have affected the long-term development of the Hohenzollern monarchy and the new German nation-state.» (S. 2). Sterkenburgh möchte dies ändern und erforschen, «how Wilhelm exercised power»(ebd.). Zu diesem Zweck versteht der Autor Wilhelm nicht nur als politischen Akteur, sondern zudem als Schauspieler auf der öffentlichen Bühne, um so auch die symbolische oder performative Funktion seiner Herrschaft in den Blick nehmen zu können. Politische Handlungsmacht versteht Sterkenburgh also – im Einklang mit den seit längerem diskutieren Ansätzen einer Kulturgeschichte der Politik – als untrennbar verknüpft mit Fragen der Inszenierung: «For Wilhelm, self-staging was political power.» (S. 4). In der konkreten Ausführung führt diese Entscheidung dazu, die Quellen danach zu durchsuchen, wie Wilhelm sich unterschiedlichen Publika präsentierte und wie er in bestimmten Kommunikationsräumen agierte. Wilhelms Herrschaftsinszenierung stand dabei in Kontinuität mit seiner öffentlichen Selbstdarstellung seit den 1840er Jahren, die wiederum im Kontext einer im Laufe des 19. Jahrhunderts dynamisierten (Medien-)Gesellschaft steht, in der Monarchien und Monarchen ihren symbolischen Ort finden mussten, um in den sich rapide transformierenden Gesellschaften integrations- und anschlussfähig zu bleiben. Die Studie fokussiert dabei nicht allein ihren Hauptprotagonisten, sondern argumentiert auch immer wieder innereuropäisch vergleichend, was dabei hilft, Wilhelm stärker im Kontext der Geschichte europäischer Monarchien zu verorten.
Das Buch besteht aus acht Kapiteln, wobei den Hauptteil – neben Einleitung und Fazit – sechs thematische Kapitel bilden, die vornehmlich systematisch ausgerichtet, aber zugleich an der Chronologie orientiert sind. Es geht um Wilhelms Rolle als Militärmonarch, im politischen Entscheidungsprozess, seine Geschichtspolitik, seine Position als Deutscher Kaiser, die von ihm mitgestaltete Zeremonialkultur sowie schließlich um die interpretative Aneignung seiner Person nach dem Tod. Das Resümee fasst die Ergebnisse der Studie konzise auf sieben Seiten zusammen.
Das zweite Kapitel erörtert anhand der Kriege der Jahre 1866 und 1870-1871, wie Wilhelm als Militärmonarch und Feldherr auftrat. Er zeigte sich an der Front ebenso wie in der Heimat und versuchte, sich als zukünftiger Monarch einer geeinten Nation darzustellen. Anders als in der älteren Forschung habe er also eine durchaus aktive Rolle in diesen Feldzügen gespielt, die seine eigene Position absichern und legitimieren sollte, «to project the future German nation-state as a monarchical nation under his aegis» (S. 18). Zeitgenössische Schriften inszenierten Wilhelm schon seit den 1850er Jahren als die Verkörperung der preußischen Militärmonarchie. Dieses Image musste der Monarch also in den Kriegen bestätigen. Er legitimierte sich also dadurch, dass die Monarchie die Sicherheit der Nation nach außen garantierte. Tatsächlich zeigt der Vergleich, dass Monarchien nicht zuletzt häufig dann scheiterten, wenn sie dieser Aufgabe nicht nachkommen konnten, wie Napoleon III. 1870 oder schließlich Wilhelm II. 1918. Zugleich hielt der künftige Kaiser während des Krieges gegen Frankreich den politischen Primat der Monarchie aufrecht und war Letztentscheider in den Konflikten zwischen Bismarck und Moltke.[4]
Um Entscheidungen geht es auch im dritten Kapitel, das Wilhelms Rolle in den «Entscheidungskulturen in der Bismarck-Ära»[5] beleuchtet. Im Zentrum stehen das Verhältnis zwischen Monarch und Reichskanzler, das Kabinett, die Reichsleitung sowie der Reichstag. Im Gegensatz zur nahezu gesamten Bismarck-Forschung sieht Sterkenburgh unter Bezug auf die Thesen Jan Markerts ein „persönliches Regiment“ Wilhelms I. verwirklicht.[6] Dieses fand zwar gelegentlich seine Grenzen, aber es zeige sich doch, dass der Kaiser häufig in der Lage gewesen sei, seinen Willen bei politischen Entscheidungen durchzusetzen oder diese mindestens mitzuprägen. Das Verhältnis zu Bismarck beschreibt Sterkenburgh als konfliktreiche Arbeitsteilung, keineswegs habe der Kanzler seinen Herrn durchgehend dominiert oder im politischen Prozess marginalisiert. Gegenüber der (Berliner) Öffentlichkeit präsentierte sich Wilhelm, dessen Büro von der Straße aus einsehbar war, als unermüdlicher Arbeiter, der viele Stunden am Schreibtisch saß. Seinen Sohn schloss er aus der operativen Politik weitgehend aus, so dass jener primär die Zukunft der Dynastie symbolisierte, während der Vater die Gegenwart für sich reservierte. Dem Reichstag wiederum, der zunehmend zur «andere[n] Seite der Macht» avancierte,[7] suchte Wilhelm die Ranggleichheit zu bestreiten, um selbst als das politische Zentrum zu erscheinen. Kurzum, Wilhelm habe sich in seinem Herrschaftswillen kaum von seinen beiden Nachfolgern unterschieden und keineswegs passiv im Schatten Bismarcks verharrt, sondern aktiv auf Feldern der Innen- und Außenpolitik interveniert, wenn es ihm nötig erschien und so meist das letzte Wort behalten. Insbesondere dieses Kapitel dürfte für Diskussionen sorgen, fordert aber in jedem Fall dazu auf, noch einmal darüber nachzudenken, wie genau sich die komplexe Beziehung zwischen Bismarck und Wilhelm I. begrifflich treffend fassen lässt, ohne eine bloße Über- oder Unterordnung des einen Akteurs über den anderen zu behaupten.
Die Geschichtspolitik rückt ins Zentrum des vierten Kapitels. Anhand der offiziellen oder offiziösen zeitgenössischen Biografien des Kaisers, sowie anhand der Verwandlung Berlins in eine mit Monumenten gespickte Geschichtslandschaft zeigt Sterkenburgh des Kaisers Bestreben, die Hohenzollern als quasi-natürliche Herrscher Deutschlands darzustellen, indem er den borussischen Geschichtsmythos in einer dynastischen Ausrichtung vertrat. Die preußisch-deutsche Aufstiegsgeschichte sollte so im Monarchen ihren Ausdruck finden.
Seine Rolle als deutscher Kaiser – so das fünfte Kapitel – legte Wilhelm so an, dass sie als Teil eines «monarchial federalism» (S. 157) erschien, die Nation also durch die Fürsten vermittelt wurde. Das Reich war für ihn eine monarchische Föderation von Souveränen, was durchaus der «composite nature of the early German Empire» (S. 195) entsprach, wie u. a. die Analyse des Personenkults um den Kaiser sowie dessen Reisen in außerpreußische Territorien zeigen.
Wilhelm hatte – so macht das folgende Kapitel deutlich – ein ausgeprägtes Bewusstsein für Zeremonialkultur. Feste und Feiern dienten dazu, seine politischen Ambitionen sowie sein Image breitenwirksam vorzuführen und zu festigen. Anhand von Siegesparaden, der goldenen Hochzeit 1879, dem silbernen Thronjubiläum 1886, dem 90. Geburtstag 1887 sowie schließlich der Beerdigung, zeigt Sterkenburgh, wie Wilhelm sich inszenierte und inszeniert wurde. Insbesondere der Hof avancierte so zu einem Zentrum der politischen Kultur, in dessen Mitte wiederum der Monarch stand: «Wilhelm thus set a precedent for his grandson that historians tend to overlook» (S. 241).
Das siebte Kapitel fragt danach, wie die Zeitgenossen Wilhelms Tod deuteten und an seine Person erinnerten. Sterkenburgh sieht das Jahr 1888 als eine Zäsur, die stärker zu betonen sei als der Abgang Bismarcks zwei Jahre später. Denn hier bildeten sich zwei mythische Erzählungen, die in Spannung zueinanderstanden: Einmal sei Wilhelm als starker, vorbildlicher Monarch dargestellt worden, der sich den demokratischen Tendenzen der Zeit zum Wohle Deutschlands entgegengestellt habe, während andererseits eine Verklärung eintrat, die Wilhelms Herrschaft als „gute alte Zeit“ beschrieb, von der sich die krisenhafte Gegenwart deutlich unterscheide. Beide Mythen konnten als Kritik an den rasanten gesellschaftlichen Wandlungsprozessen jener Periode dienen bzw. brachten das Unbehagen der Zeitgenossen an den Modernisierungsfolgen zum Ausdruck.
Insgesamt fordert die gut lesbare, klar organisierte und thesenfreudige Studie von Frederik Frank Sterkenburgh die Kaiserreichforschung kulturhistorisch informiert heraus und liefert diskussionswürdige Interpretationen zu zahlreichen Einzelaspekten, sei es die Geschichte der Monarchie, Fragen von Inszenierung und Herrschaftsausübung bis hin zu gängigen Epocheneinteilungen. Auf angemessener empirischer Grundlage und anhand klarer Untersuchungskategorien bringt sein Buch die Forschung schon allein dadurch voran, dass es den viel zu wenig beachteten Kaiser Wilhelm I. ins Zentrum der Analyse rückt und damit dazu beiträgt, «to rethink Bismarck-centred narratives» (S. 302). Unabhängig davon, welche Thesen sich im Einzelnen zukünftig bewähren werden, darf man dem Autor dafür danken, neue Perspektiven auf die Geschichte des Kaiserreichs sowie der Hohenzollern-Monarchie eröffnet zu haben. Das (frühe) Kaiserreich – so lässt sich schließen – bleibt also auch weiterhin in der Kontroverse.[8]
[1] Vgl. exemplarisch Dieter Hertz-Eichenrode, Deutsche Geschichte 1871–1890. Das Kaiserreich in der Ära Bismarck, Stuttgart u. a., Kohlhammer, 1992; Id., Deutsche Geschichte 1890–1918. Das Kaiserreich in der Wilhelminischen Zeit, Stuttgart u. a., Kohlhammer, 1996; Beate Althammer, Das Bismarckreich 1871–1890, Paderborn, UTB, 2009; Nils Freytag, Das Wilhelminische Kaiserreich 1890–1914, Paderborn, UTB, 2018; die Abschnitte zur politischen Herrschaft bei Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, München, C.H. Beck, 1995, S. 849–1168 teilen sich in die „Bismarckära“ und die „wilhelminische Polykratie“.
[2] Lothar Gall (ed.), Otto von Bismarck und Wilhelm II. Repräsentanten eines Epochenwechsels?, Paderborn, Schöningh, 2000.
[3] Frank Lorenz Müller, Our Fritz. Emperor Frederick III and the Political Culture of Imperial Germany, Cambridge, Harvard University Press, 2011.
[4] Hierzu auch Frederik Frank Sterkenburgh, Revisiting the „Prussian Triangle of Leadership“. Wilhelm I and the Military Decision-Making Process of the Prussian High Command during the Franco-Prussian War, 1870–1871, in Martin Clauss, Christoph Nübel (ed.), Militärisches Entscheiden. Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentationen einer sozialen Praxis von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Frankfurt-New York, Campus, 2020, S. 429-454.
[5] Ulrich Lappenküper, Wolfram Pyta (eds.), Entscheidungskulturen in der Bismarck-Ära, Paderborn, Schöningh, 2024.
[6] Jan Markert, Wilhelm I. Vom „Kartätschenprinz“ zum Reichsgründer, Berlin-Boston, De Gruyter-Oldenbourg, 2025.
[7] Andreas Biefang, Die andere Seite der Macht. Reichstag und Öffentlichkeit im „System Bismarck“ 1871–1890, Düsseldorf, Droste, 2010.
[8] Sven Oliver Müller, Cornelius Torp (eds.), Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen, Vandenhoeck&Ruprecht, 2009; Birgit Aschmann, Monika Wienfort (eds.), Zwischen Licht und Schatten. Das Kaiserreich (1871–1914) und seine neuen Kontroversen, Frankfurt-New York, Campus, 2022.