

Reviewer Magnus Ressel - Goethe-Universität Frankfurt am Main
CitationMit ihrem Buch über einen bayerischen Kaufmann im Venedig des 16. Jahrhunderts versucht Federica Ambrosini aus relativ wenig archivalischen Spuren die Geschichte dieser Person und ihres Umfelds in Venedig und Süddeutschland zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Zuane (Johannes) Eisvogel, der im 16. Jahrhundert in Venedig lebte und zeitweise in den Fokus der Inquisition geriet. Das schmale Büchlein von etwas mehr als 100 Seiten ist in drei größere Kapitel unterteilt, die jeweils etwa ein Drittel des Umfangs einnehmen. Im Folgenden wird vor allem das erste Großkapitel aufgrund seines besonderen Fokus auf dem Inquisitionsprozess in Venedig eingehend analysiert, die weiteren zwei hingegen nur kursorisch.
Historisch greifbar wird Eisvogel durch eine anonyme Denunziation beim venezianischen Sant’Ufficio aus dem Jahr 1570, mit der Ambrosini ihr erstes Großkapitel («Sulle tracce di un mercante tedesco») von ca. 35 Seiten Umfang beginnt: Ein unbekannter Informant erhob hier den Vorwurf der Häresie. Die venezianische Inquisition begann daraufhin, Informationen über Eisvogel zu sammeln. Diese war eines der sehr wenigen Ämter in Venedig, bei dem die päpstliche Seite 1547, im Zusammenhang mit dem Triumph Karls V. gegen die deutschen Protestanten, einigen Einfluss durchsetzen hatte können. Allerdings wirkten auch hier neben den kirchlichen Instanzen venezianische Staatsvertreter mit, die sogenannten „Savi all’eresia“, welche das Verfahren überwachen und gegebenenfalls eingrenzen sollten.
Nach der Einführung in die Denunziation wechselt die Darstellung hin zu einer Ausleuchtung des Kontextes durch die Autorin. Im 16. Jahrhundert bildeten die „Todeschi“, die Deutschen, eine äußerst wichtige Händlernation innerhalb der Lagunenstadt. Diese war im Fondaco dei Tedeschi organisiert und spielte eine bedeutende Rolle im Geld- und Warenverkehr zwischen Mitteleuropa und Italien. Gleichzeitig waren die hier organisierten Händler aber auch Ausländer, deren religiöse und kulturelle Herkunft sie in den Augen vieler Venezianer im konfessionellen Zeitalter verdächtig erscheinen ließ.
Eisvogel war aber kein leicht greifbarer Häretiker oder überhaupt ein problematischer Zeitgenosse. Im Gegenteil: Er war anerkannter Mieter eines Hauses des Patriziers Lunardo Mocenigo, dessen Familie über weitreichende wirtschaftliche Kontakte nach Mitteleuropa verfügte. Vielleicht auch wegen solch guter Kontakte begann die eigentliche Untersuchung der Inquisition nur mit erheblicher Verzögerung. Mehr als ein Jahr nach der ursprünglichen Denunziation wurden in Mestre erste Zeugen befragt. Dort lag auch ein Teil von Eisvogels Besitz, denn wie viele Kaufleute hatte er in der Terraferma Land erworben. Nebenbei sei vermerkt, dass dies eine sehr wichtige historische Erkenntnis eher jüngerer Jahre bestätigt: Die deutschen Ausländer durften in der Republik Grundbesitz erwerben, einigen normativen Hemmnissen zum Trotz. Die Zeugen bezeichneten ihn übereinstimmend als allgemein bekannten „lutheran marzo“ (wohl: Erz-Lutheraner), konnten dafür aber meist nur indirekte Hinweise anführen. Verdächtig erschienen vor allem seine Kirchenferne, Fleisch an Fasttagen, mutmaßlich verbotene Bücher und sein Umgang mit der Hauskapelle und sakralen Bildern, wobei die Aussagen teilweise diffus blieben.
Die Untersuchung verlagerte sich anschließend nach Venedig selbst. Dort wurden weitere Personen befragt, darunter Geistliche und frühere Bekannte des Kaufmanns. Auch hier ergab sich ein widersprüchliches Bild. Einerseits berichteten einige Zeugen, Eisvogel nehme selten an kirchlichen Ritualen teil. Andererseits wurde hervorgehoben, dass er großzügige Spenden an Kirchen und religiöse Einrichtungen geleistet habe und sich wohltätig gegenüber Armen und Bedürftigen zeigte. Er wurde von vielen Menschen als gerechter und großzügiger Mann geschätzt. Danach brach das Verfahren faktisch ab. In den Akten findet sich weder ein förmliches Urteil noch eine Verurteilung oder ein Widerruf.
Einige Aufmerksamkeit widmet die Autorin den letzten Lebensjahren des Kaufmanns. Ambrosini beschreibt die letzten Lebensjahre Eisvogels als eine Phase wirtschaftlicher Stabilität und gesellschaftlicher Anerkennung. Offenbar hatten die gegen ihn erhobenen Verdächtigungen keine nachhaltigen Folgen gehabt. Kurz vor seinem Tod im Januar 1578 verfasste er ein sachlich gehaltenes Testament, dessen Verfügungen von seinem Neffen Filippo umgesetzt wurden. Das Testament enthält nur wenige persönliche Akzente und zeichnet sich vor allem durch seine konfessionelle Zurückhaltung aus. Im Vergleich mit den Testamenten anderer deutscher Kaufleute gelangt Ambrosini zu dem Schluss, dass es weder eine eindeutig katholische Frömmigkeit noch ein offen evangelisches Bekenntnis erkennen lässt.
Im nächsten Abschnitt richtet Ambrosini den Blick schließlich über die Alpen hinweg auf die Herkunft des Kaufmanns. Ambrosini kann nachweisen, dass Eisvogel aus Weilheim, also dem Herzogtum Bayern stammte, wobei insbesondere sein Testament mit einem Legat an das Heilig-Geist-Spital als entscheidender Beleg dient. Durch den Abgleich venezianischer und Weilheimer Quellen rekonstruiert sie seine Einbindung in eine angesehene Weilheimer Bürgerfamilie und kann mehrere Verwandtschaftsbeziehungen nachzeichnen. Zudem zeigt sie, dass Eisvogels erste Ehefrau ebenfalls aus Weilheim stammte und familiäre Kontakte in die Heimat noch bis ins frühe 17. Jahrhundert bestanden.
Damit geht Ambrosini über zum nächsten Großkapitel («Eredi») mit einem Umfang von etwas weniger als 30 Seiten. Nach Eisvogels Tod versuchten seiner Erben das Geschäft fortzuführen. Im Mittelpunkt stehen sein Neffe Filippo, dessen Witwe Chiara sowie die folgenden Generationen, die jedoch zunehmend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten litten. Anhand von Gerichtsakten und Notariatsurkunden zeichnet Ambrosini den allmählichen Vermögensverlust und familiäre Konflikte nach. Gleichzeitig bieten die Inventare Einblicke in den materiellen Alltag einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und ihre Mischung aus deutscher Herkunft und venezianischer Lebensweise.
Im letzten Großkapitel von ca. 45 Seiten Umfang («Madonne e Sirene») untersucht Ambrosini Eisvogels religiöse Welt und erörtert eingehend, ob die gegen ihn erhobenen Häresievorwürfe berechtigt waren. Sie analysiert seine Kontakte, sein Testament, seine Frömmigkeit sowie die religiöse Ausstattung seines Hauses und der Kapelle in San Zulian und gelangt zu dem Ergebnis, dass sich keine eindeutige konfessionelle Zuordnung treffen lässt. Stattdessen erscheint Eisvogel als Kaufmann, der sich zwischen katholischer Praxis und protestantischen Einflüssen bewegte, ohne offen mit der katholischen Kirche zu brechen. Besonderes Augenmerk gilt den Inquisitionsquellen und den ikonographischen Besonderheiten der Kapelle, die Ambrosini als Ausdruck religiöser Ambivalenz interpretiert. Zuletzt formuliert Ambrosini doch eine etwas zugespitztere Hypothese: Sie sieht Eisvogel durchaus der Reformation verbunden, vermutet aber, dass er die starren konfessionellen Schranken, die inzwischen die religiöse Landschaft Europas prägten und im deutschen Raum besonders schmerzhaft trennend wirkten, nur schwer ertrug. Wie viele Deutsche dieser Jahre leistete Eisvogel aus ihrer Sicht einen stillen Widerstand gegen die Grenzen und Barrieren, welche die verschiedenen kirchlichen Autoritäten errichtet hatten.
Am Ende bleibt der Eindruck eines vielschichtigen historischen Porträts. Johannes Eisvogel erscheint als ein erfolgreicher, gut vernetzter Kaufmann, der zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Welten lebte. Gleichzeitig zeigt die Studie, wie vorsichtig Historikerinnen und Historiker mit den Quellen umgehen sollten, wenn sie versuchen, aus vereinzelten Dokumenten die Lebensgeschichte eines Menschen zu rekonstruieren. Dies ist Ambrosini in ihrer mikrohistorischen Studie gelungen. Durch die Kombination aus kleinteiliger Archivarbeit und anschaulicher Darstellung gelingt es der Autorin, aus einem scheinbar randständigen Fall einen Blick in die venezianische Gesellschaft des 16. Jahrhunderts zu werfen. Die Geschichte des frommen, aber konfessionell nie ganz eindeutig greifbar gewordenen bayerischen Kaufmanns wird so zu einer Sonde in die Welt des frühneuzeitlichen Handels- und Kulturkontakts über die Sprach-, Staats- und Alpengrenzen – und gerade darin liegt der besondere Reiz dieser bemerkenswerten Untersuchung.