

Reviewer Gabriele Clemens - Universität des Saarlandes
CitationDas vorliegende Repertorium hat die Archivarin Costanza Lisi erstellt, die sich schon seit Jahren mit der Überlieferung italienischer Konsulate beschäftigt. Diesmal legt sie ein Quellenverzeichnis zum dichten Netzwerk jener Konsulate des Königreich Sardinien Piemont vor, das von 1825-1859 in der Levante des ottomanischen Reiches und im nördlichen Afrika aufgebaut wurde. Sie bietet uns mit den hier präsentierten Dokumenten einen hervorragenden Zugang zu reichem Quellenmaterial für zukünftige Forschungen. Es dokumentiert systematische Informationen über den Aufbau des Netzes der Konsular Agenturen und das für sie zwischen 1825 und 1859 in der Region arbeitende Personal.
Die überlieferten Archive der Konsuln ermöglichen spannende Einsichten in die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer Gastländer sowie zu den internationalen Beziehungen beziehungsweise deren Entwicklung. Ferner erlauben sie wertvolle Einblicke über die Dynamiken der Handelsbeziehungen. Seit 1825 wurde dieses systematische Netz der Agenturen aufgebaut und ausgeweitet, einzelne Konsulate bestanden aber schon zuvor in Algerien, Tripolis und Tunis. Die neuen Konsuln befanden sich größtenteils schon an ihren Dienstorten und hatten dort vorher etwa als Marineoffiziere oder Kaufleute ihren Lebensunterhalt verdient. Ihre Beziehungen zum königlichen Hof in Turin waren eng und loyal. Einige hatten schon zuvor dem König als Beamte gedient, häufig wurden auch Söhne von reichen Kaufleuten mit diesen Aufgaben betraut. Sie sahen alle in ihrer Arbeit als Konsuln, die Möglichkeit eine neue Karriere zu verfolgen, Prestige und Anerkennung zu gewinnen. Gefordert wurde von ihnen die Fähigkeit, Beziehungen anzuknüpfen und zu vertiefen, politische und gesellschaftliche Einsichten zu gewinnen, die es ihnen erlaubten, das Königreich Sardinien-Piemont würdig zu repräsentieren.
Ihre Aufgaben waren weitreichend. Sie mussten das Einhalten von Verträgen beobachten und den Handel sowie die Schifffahrt fördern. Darüber hinaus beobachteten sie vor allem die vor Ort lebenden Italiener genau, und prüften ihr korrektes und loyales Agieren. Gerade die zahllosen Exilanten nach den Revolten und Revolutionen 1820-21, 1830-31 sowie 1847-49 wurden überwacht. Dabei wurden ihnen auch Informationen von den Machthabern vor Ort zugetragen, die sie über politische Aktivitäten der liberalen und demokratischen Exilanten informierten. Kontrolle übten die Konsuln nicht zuletzt aus, indem sie über Passangelegenheiten und Aufenthaltsgenehmigungen entscheiden konnten. Außerdem unterstützten sie ihre Staatsangehörigen, allen voran die Kaufleute, beim Umgang mit den örtlichen Autoritäten. Die europäischen Communities genossen häufig Sonderrechte im Osmanische Reich, um deren Gewährung und Einhaltung sich die Konsuln ebenfalls bemühten. Diese mannigfaltigen Aufgaben führten zu einer Produktion von zahlreichen Berichten, Statistiken und Dokumenten aller Art, die für uns heute wichtige Quellen darstellen. Natürlich muss man bei der Analyse bedenken, dass hier auch „Beamtenlyrik“ produziert wurde. Entweder wurden Probleme als weniger brisant dargestellt, als sie eigentlich waren oder aufgebauscht, um Reaktionen zu erzielen. Außerdem spiegelt sich natürlich auch die politische Haltung des Konsuls in der jeweiligen Berichterstattung.
Das Repertorium ist klar strukturiert. Zunächst findet sich Material zu den einzelnen Agenturen, ihrem Aufbau, ihrem Personal und zu den Distrikten, für die sie zuständig sind. Es folgen jeweils kurze Biographien der Konsuln, Prokonsuln und Informationen zu den Dragomanni, jenen Dolmetschern und Ortskundigen, die arabische und türkische Sprachkenntnisse hatten und für die Kommunikation von großer Bedeutung waren. Neben Notizen zu den Fähigkeiten oder Defiziten der Konsuln bezüglich der Kenntnisse von Fremdsprachen, des Verhandlungs- und Organisationstalents lassen sich deren Karriereverläufe anhand der gebotenen Informationen sehr gut rekonstruieren. In der Mehrzahl waren es Kaufleute, die aufgrund ihrer Handelsgeschäfte ohnehin über ein dichtes wirtschaftliches und familiäres transnationales Netzwerk verfügten. Auffallend ist auch die Internationalität der Gruppe der Konsuln überhaupt. Es handelte sich keineswegs nur um Piemontesen, sondern einerseits um Italiener aus anderen Staaten, aber auch um preußische, britische und französische Konsuln, die für Turin arbeiteten. Andererseits haben auch Genuesen, Neapolitaner oder Sizilianer und andere mehr wiederum als britische oder französische Konsuln gewirkt. Zu jedem Akteur finden sich archivalische Nachweise für die Lebensläufe und ihre Berichtstätigkeit im Archiv des piemontesischen Außenministeriums und des Staatsarchivs in Turin. Weiterhin wurden diplomatische Staatskalender ausgewertet. Abgerundet wird dieses für weitere Forschungen wertvolle Kompendium durch ein Orts- und Personenregister.
In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine umfangreiche internationale Forschung zu politischen Flüchtlingen im Europa des 19. Jahrhunderts entstanden. Gleichzeitig haben kulturhistorische Studien zum Mittelmeerraum, seinen Hafenstädten und ihrem Hinterland einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Für die italienische Geschichte sind diese beiden Forschungsstränge eng miteinander verknüpft, nicht zuletzt aufgrund der beträchtlichen Abwanderung politischer und intellektueller Fachkräfte in die Hafenstädte des Mittelmeers und des Schwarzen Meeres nach den gescheiterten Revolutionen im 19. Jahrhundert. Das von Frau Lisi vorgelegte Repertorium zur konsularischen Überlieferung bietet für deren zukünftigen Erforschung ganz wichtige Zugänge.