

Reviewer Carlo Moos - Universität Zürich
CitationAls Skeptiker und (Fast-)Lombarde empfindet der Rezensent fast immer ein gewisses Unbehagen angesichts der gängigen Hochjubelung des Volkshelden Garibaldi, jedoch umgekehrt im wohltuend kritischen Buch von Pascal Oswald zur sogenannten „questione romana“ ein beträchtliches Interesse an Garibaldis Niederlagen von 1862 in Aspromonte (Kalabrien) und 1867 in Mentana (Latium) um den damaligen Rest-Kirchenstaat, worum sich das vorliegende Buch dreht. Die Rom-Frage wird darin kapillar aufgearbeitet (wie bei diesem Autor generell, so auch in einem wichtigen Aufsatz zu Carlo Cattaneo). Hier, in den Niederlagen von 1862 und 1867, zeigten sich die Folgen überstürzter Problemlösungsversuche zur falschen Zeit und mit untauglichen Mitteln, die sich nur drei Jahre später, 1870, von aussen und dank Bismarck überraschend schnell ergaben. Nicht zuletzt findet sich im vorliegenden Buch auch eine treffend bissige Bemerkung von Bismarck selber über die in Italiens Einigungsgeschichte besonders hilfreichen ausländischen Siege von Solferino, Sadowa und Sedan, die der Autor zurecht als wichtige Fixpunkte erwähnt (S. 209 f.). Paradoxerweise sollte ausgerechnet das politisch-militärische Ende Napoleons III. denn auch die Lösung der römischen Frage möglich machen.
Für die Einordnung von Garibaldis Niederlagen in den Kirchenstaat-Kontext hat sich Oswald drei Ziele gesetzt: neben dem Verhältnis zwischen Garibaldi, dem König (Vittorio Emanuele II) und der Regierung von Urbano Rattazzi das widersprüchliche Verhalten der Bevölkerung im Kirchenstaat und als drittes die Rolle des in Rom lebenden deutschen Historikers Ferdinand Gregorovius (S. 211), wobei die ersten zwei ohne jeden Zweifel wichtig sind, während das dritte eher aufgesetzt und vielleicht auch etwas (zu) deutsch wirkt, obwohl die Rolle von Gregorovius 1867 (anders 1862, als er nicht in Erscheinung trat) bedeutend gewesen sein muss und vom Autor breit präsentiert wird.
Eindrücklich ist die Fülle der auf breiter Quellen- und Literaturbasis erarbeiteten Materialien und angestellten Überlegungen zum Stellenwert der (in gegensätzlicher Erweiterung von Garibaldis zentral siegreicher Rolle 1860) zwar wichtigen Aspromonte- und Mentana-Episoden in den zu Recht breit angelegten Kapiteln IV (hier besonders) und V, die als Niederlagen erheblicher waren, als man gemeinhin annimmt. Insbesondere für die Affäre von Aspromonte muss Garibaldi als der direkt Hauptverantwortliche gesehen werden, während er 1867 von der Regierung unter der Hand mit Munition versorgt wurde (S. 212 f.). Auch wenn alles plastisch illustriert und meist treffend beurteilt wird, bleibt das Verhalten des Ministerpräsidenten Urbano Rattazzi im Vorfeld von Aspromonte ein Doppelspiel, weil es wohl ein mündliches Abkommen zwischen Garibaldi und der Regierung gegeben haben muss (S. 94), und vieles eher rätselhaft, so die kurzen Festnahmen Garibaldis sowohl nach Aspromonte wie nach Mentana, wobei letztere dem Ansehen der Regierung besonders geschadet haben muss (S. 172 f.), wie auch die verblüffende Passivität der Römer gegenüber dem Eroberungsversuch 1867 (S. 186).
Dies alles sind aber Bagatellen in einem sehr instruktiven Buch, wo nur der Text-Aufbau bisweilen etwas verwirrlich wirkt, etwa wenn (wie in Kap. IV. 1 u. 2) Resultat und Deutungsgeschichte vorweggenommen werden, und der Anmerkungsapparat etwas überlastet und beschwerlich erscheint.
Die besondere Bedeutung dieses vielschichtigen und materialreichen Buches liegt nach Meinung des Rezensenten vor allem darin, dass es den ansonsten eher überstrapazierten Volkshelden Garibaldi aus einer anderen Perspektive, der ungewohnteren eines Besiegten, überzeugend angeht und in jeder Beziehung bildhaft illustriert (s. auch Umschlagbild sowie Abbildungen 5, 7, 8).