

Reviewer Conradin Von Planta - Institut für Kulturforschung Graubünden
CitationDer vorliegende Band ist das Ergebnis einer 2022 in Brixen abgehaltenen Tagung. Thema war die Geschichte einer der bedeutendsten und langlebigsten Adelsfamilien Tirols, der Herren, Freiherren und Grafen von Welsperg. Dieses aus dem Pustertal (italienischer Teil, Südtirol) stammende Geschlecht ist seit dem 12. Jahrhundert bezeugt und erlosch 1907. Unterschieden werden drei Linien: Welsperg-Langenstein- Raitenau; Welsperg-Primör sowie Welsperg zu Zellburg und Neurasen. Der Band verfolgt in 17 Beiträgen unterschiedlicher Autoren und Autorinnen die Geschicke der Familie von ihren Anfängen im Pustertal bis zu ihrem Erlöschen als Adelsgeschlecht der Habsburger Monarchie. Die Beiträger und Beiträgerinnen sind überwiegend in Süd- und Nordtirol tätige Historiker und Historikerinnen. Das Werk versteht sich somit auch als Beitrag zur Landesgeschichte Tirols.
Die Adelsforschung zeigt sich gegenüber Recherchen zu einzelnen Adelsgeschlechtern heute eher skeptisch. Studien zu einzelnen „Adelslandschaften“, Forschungen zum Adel einer bestimmten Region, geniessen Vorrang. Dieser Band folgt dieser Tendenz nicht, sondern betrachtet die Schicksale einer einzigen Familie. Doch rechtfertigt die lange Geschichte der Welsperg, die exemplarisch für im Lauf der Zeit neu auftretende Herausforderungen an den Adel stehen, diese Beschränkung. Denn epochenübergreifende Recherchen sind auch zum Adel im Allgemeinen rar.
Die Welsperg entstammen der Ministerialität der Bischöfe von Brixen (Beitrag Armin Torggler). Vom 12.-14. Jh. stiegen die Welsperg wie viele andere erfolgreiche Dienstmannen in den Ritteradel auf und bewegten sich im Dunstkreis regionaler Herren (Hochstift Brixen, Grafen von Görz, Beitrag Gustav Pfeifer). Eine wichtige Wende auch für den Tiroler Adel bedeutete der Übergang der Grafschaft Tirol 1363 an das Haus Habsburg, an dem sich die Welsperg seit dem Ende des 14. Jh. langfristig ausrichteten (Beitrag Irene Sapelza). 1500 fiel auch die Grafschaft Görz an die Habsburger.
Erika Kustatscher zeichnet die Geschichte der Welsperger Zölibatären beiderlei Geschlechts bis zum Aussterben der Familie nach. Herausgehoben sei der Befund, dass die meisten Kleriker der Familie bis weit ins 15. Jh. als Pfarrherren tätig waren, bevor sie seit dem frühen 17. Jh. namentlich im Domstift Brixen vertreten waren.
Das wichtige Thema der Pfandschaft (Übernahme von Gütern und/oder Einkünften gegen Entrichtung einer Geldsumme) als seit dem 14. Jh. übliche Leiheform ist Thema des Beitrags Lienhard Talers. Allerdings erführe man gerne mehr über die Relation der Pfandschaft zu anderen Leihe- und Erwerbsformen des Ritteradels (Dienstgelder, Lehen, Pachtgüter, wirtschaftliche Tätigkeiten, hier etwa der Welsperger Bergbau im Pustertal).
Wertvoll ist die Berücksichtigung der Memoria, also des Totengedenkens der Welsperg, dem manchmal nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird (Beitrag Leo Andergassen). Sie ist aber vor allem auf die bildliche und bauliche Repräsentation (Kapellen, Grablegen, Grabdenkmäler) ausgerichtet. Dabei gerät der Kern auch adligen Totengedenkens ein wenig ausser Acht: Die seit dem 13. Jh. bezeugten Stiftungen zur liturgischen Memoria des Geschlechts und deren Formen. Eindeutig ein Zeichen für die Zugehörigkeit zur „Führungsschicht“ des Tiroler Ritteradels ist die seit dem 15. Jh. bezeugte Welsperger Grabkapelle bei Taisten im Pustertal, dem Kernland der Familie.
1401 erhielten die Welsperger das im Trentino gelegene Tal Primör/Primiero. Noch im 15. Jh. begannen die Welsperger die regional bedeutenden Erzbestände des Primör auszubeuten. Der Erzabbau und die Metallproduktion bilden bis weit ins 16. Jh. eine wesentliche Quelle des Vermögens der Familie. Schade, dass diese Aktivitäten nicht breiter in die Thematik spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Adliger als „Unternehmer“ und „Handelsleute“ eingeordnet werden (Beiträge Ugo Pistoia und Katia Occhi). Eine Ergänzung dazu ist der Beitrag Armin Torgglers zum bedeutenden Tiroler Bergbauunternehmer Karl von Welsperg auf (16. Jh.), der nicht nur in Primör aktiv war.
Der Beitrag von Sieglinde Clementi widmet sich den Familienstrukturen und den Heirats- und Erbpraktiken der Linie Welsperg-Primör im 16. und teilweise im 17. Jh. Die Frage sei erlaubt, warum die Fragen dieses Beitrags für die mittelalterlichen Welsperger (12.-15. Jh.) eher spärlich gestreift werden. Die Heiratskreise der Primörer Linie sind jene eines bedeutenden Adelsgeschlechts. Weniger bekannt in der Adelsgeschichte ist das Heiratsgabensystem (Heiratsgut, Aussteuer, Widerlegung u.a.). Von Interesse sind auch Clementis Ausführungen zur Erbpraxis, wobei der Erbverzicht adliger (und sonstiger) Töchter bei der Heirat kaum eine tirolische Besonderheit ist. Zur Sprache kommt auch die Witwenversorgung. Vielleicht hätte Clementis Beitrag noch in einem oder zwei Beiträgen zu Frauen der Welsperger Ergänzung gefunden.
Der Beitrag Dieter Specks geht auf die Lage der Welsperg in Vorderösterreich ein („Vorderösterreich“: Die elsässischen, die in der heutigen Schweiz und im heutigen Baden-Württemberg sowie in Bayerisch-Schwaben gelegenen Gebiete des Hauses Habsburg, dazu Vorarlberg). Der Erwerb der am Bodensee gelegenen Grundherrschaft Langenstein 1671 führte die Welsperger nach Vorderösterreich und in die Netzwerke des dortigen Adels. Sie zeigt eine erfolgreiche Integration in dieses neue Umfeld (Ämtererwerb!).
Seit dem 17. Jh. finden sich Welsperg als habsburgische Offiziere und folgen damit dem Beispiel des Militärdienstes anderer Adliger im absolutistischen Fürstenstaat (Beitrag Michael Hochedlinger). Im 18. und 19. Jh. blieb der Militärdienst eine Einkunftsquelle der Familie. Die Bedeutung des Militärdienstes für die Welsperg bleibt offen, da Vergleiche zu anderen Tiroler Adelsfamilien fehlen.
Philipp Tollois Beitrag betrifft die im frühneuzeitlichen Adel üblichen Bildungsreisen („Kavalierstour“), die auch Universitätsbesuch einschlossen. Reisen ist für den Adel namentlich zwischen dem 16. und 18. Jh. allgemein ein wichtiges Thema. Kavalierstouren führten häufig nach Frankreich oder Italien bzw. an dortige Höfe oder Universitäten.
Der Beitrag David Fliris untersucht die Rolle der Welsperg im diplomatischen Dienst der Kaiserin Maria Theresia. Der frühneuzeitliche Fürstenstaat kennt seit dem 16. Jh. die ständige diplomatische Vertretung bei ausländischen Staaten. So auch bei den Habsburgern, wodurch sich für deren Adel neue Karrieremöglichkeiten eröffneten. Zeitlich schliesst der Beitrag von Francesca Brunet über die Laufbahn zweier Welsperg während der napoleonischen Ära und der Resturation an.
Wichtig ist der Beitrag von Stefania Franzoi über die Welsperger Familienarchive und die familieninterne Geschichtsschreibung. Die Archivbestände zu den Welsperger Zweigen verteilen sich auf das Trentino und auf Südtirol (Südtiroler Landesarchiv). Es geht zudem um archivalische Massnahmen, die Mitglieder des Geschlechts trafen, sowie um Aufzeichnungen zur Geschichte der Welsperg von Angehörigen dieses Geschlechts. Gut angestanden hätte einem Buch über eine Adelsfamilie allerdings auch ein Artikel über die Herkunftslegende(n) des fraglichen Geschlechts. Er fehlt leider.
Trotz kleineren Vorbehalten ist das vorliegende Buch ein wertvoller Beitrag in mehrfacher Hinsicht. Es hält den Wert der Landesgeschichte klar fest und besitzt Aufforderungscharakter für die Zukunft. Dafür garantiert auch die Homogenität der Beiträger und Beiträgerinnen (vgl. Anfang). Es zeigt sich, dass die Geschichte einzelner Adelsfamilien à travers les âges ihre Bedeutung keineswegs eingebüsst hat. Ein solches Unterfangen – das versteht sich von selbst – ist nur bei langlebigen Geschlechtern möglich.