

Reviewer Elena Taddei - Universität Innsbruck
CitationDer Sammelband vereinigt die Beiträge einer internationalen Tagung, die sich 2022 in Wien anlässlich des 400. Jahrestages der zweiten Eheschließung Kaiser Ferdinands II. mit Eleonora Gonzaga in Innsbruck den Transferprozessen zwischen Wien und Mantua im 17. Jahrhundert gewidmet hat. Beide mantuanischen Prinzessinnen, Eleonora d. Ä. (1598–1655) und ihre Großnichte Eleonora d. J. oder Gonzaga-Nevers (1628–1686), dritte Ehefrau von Kaiser Ferdinand III., waren über ein halbes Jahrhundert lang die Akteurinnen und Mittlerinnen von intensiven dynastischen Beziehungen zwischen dem Kaiserhaus und den Gonzaga, aber darüber hinaus auch von weitergehenden Transferprozessen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Italien. Diese bestanden natürlich bereits vor diesen Eheschließungen, jedoch – und das zeigen die Beiträge sehr einleuchtend – bezogen auf den Wiener Hof, war das Italienische niemals so stark präsent wie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Das gesteckte und erreichte Ziel des Bandes ist es, die Handlungsräume der beiden Gonzaga-Kaiserinnen und die von ihnen initiierten transalpinen Austauschprozesse aufzuzeigen. Diese beiden Akteurinnen sind deshalb besonders interessant, da sie als zweite und dritte kaiserliche Ehefrau nicht oder nicht dringend für die dynastische Nachfolge sorgen mussten und in ihrem Heimatfürstentum der Mantuanische Erbfolgekrieg einen Schatten auf die Beziehungen zum Kaiserhaus warf.
Der Band ist in zwei Sektionen zu sieben und acht Beiträgen eingeteilt; ein Personenregister erleichtert die Suche nach den zahlreichen genannten Akteur:innen. Die erste Sektion behandelt das Umfeld der beiden Gonzaga-Kaiserinnen vor allem von einem akteurszentrierten Ansatz aus. In den Beiträgen von Hannes Alterauge, Alice Raviola und Luca Morselli ist der Fokus auf den Heimathof in der Krisenzeit des Erbfolgekrieges gelegt. Während Katrin Keller eine dritte Eleonora, die Schwiegertochter Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg, ab 1676 Ehefrau von Kaiser Leopold I., und ihre Beziehung zur mantuanischen Kaiserinwitwe beleuchtet, beschäftigen sich Andrea Isabella Basile und Claudia Curcuruto mit Subalternen wie der Familie Cavriani oder den sechs Wiener Nuntien in den dreißig Witwenjahren der Gonzaga. Bei diesem sozial differenzierten transalpinen Brückenschlag erfährt man Vieles über die Praxis der Akquisition von Informationen und ihrer Weitergabe am Hof, über Besuchsgepflogenheiten und inszenierte Kontakte. Zum Abschluss des ersten Teils zeigt Matthias Schnettger die vielen Facetten der italianità (Italienisch als Hofsprache, Präsenz von Italiener:innen) am Wiener Hof zur Zeit der beiden Eleonoras und stellt die Frage nach dem Selbst- und Wahrnehmungsbild hinter diesem Begriff.
Im zweiten Teil gehen die Beiträge den Austauschmomenten im Rahmen der Künste nach. Dabei werden Festmotetten als «politische Affirmation und prominenter Klangmarker innerhalb der Hochzeitsfeierlichkeiten» (Klaus Pietschmann, S. 182), Oratorien, die Eleonoras d. J. mangelhafte Lateinkenntnisse enthüllen, (Marko Deisinger), Theaterstücke als «Wissensspeicher» (Leonardo Mancini, S. 217) und insbesondere die von Eleonora d. Ä. selbst produzierten und interpretierten Ballettvorführungen (Andrea Sommer-Mathis) untersucht. Bei Letzteren ist die Mantuanerin Auftraggeberin und «ausübende Künstlerin», «Choreografin und Tanzlehrerin» (S. 233, 235) in einem. Auf die bildenden Künste und hier vor allem auf die Darstellungen der beiden Eleonoren gehen Marion Romberg, Paolo Bertelli und Cecilia Mazzetti di Pietralata ein. 130 bildliche Quellen für die ältere, 89 für die jüngere der beiden Gonzaga-Kaiserinnen zeigen einen Höhepunkt in der medialen Kommunikation als Ehefrauen an der Seite der jeweiligen Kaiser. Mit der Witwenschaft nimmt die mediale Aufmerksamkeit für beide sichtlich ab. War Eleonora d. Ä. eine Tanzperformerin, so lebte Eleonora Gonzaga-Nevers als Laienkünstlerin ihre Talente aus. In ihrer langen Zeit am Wiener Hof erlebte sie zwei Künstlergenerationen aus vorrangig, aber nicht ausschließlich italienischen Malerschulen. Nicht nur in den bildenden Künsten haben die beiden Gonzaga-Kaiserinnen ihre Spuren hinterlassen, sondern auch in der Wiener Architektur wie Herbert Karner in seinem Beitrag aufzeigt. Dabei prägte Eleonora d. Ä. vor allem Schönbrunn mit dem Zubau des Gonzaga-Traktes, während ihre Großnichte am Ausbau des Leopoldinischen Traktes der Hofburg nicht nur finanziell beteiligt war.
Der Band verfolgt selbstverständlich, wenn man von Transferprozessen spricht, einen interdisziplinären Ansatz. Alle Beiträge sind quellengestützt, einige sehr detailreich. Korrespondenzen, Suppliken und Gesandtenberichte werden ebenso herangezogen wie unterschiedliche Objektquellen, von denen einige auch abgebildet sind. Jenseits der Austauschmomente geben die einzelnen Beispiele auch Einblicke in den fürstlichen Alltag und zeigen Entscheidungsprozesse auf. So erfahren wir, welche Strategien Eleonora d. Ä. im Mantuanischen Erbfolgekrieg zur «argumentativen Entwaffnung der Gegner Nevers» (S. 33), also zugunsten des eigentlich unter kaiserlichem Sequester stehenden Herzog Charles Gonzaga-Nevers, anführte. Mehr zu den Frauen selbst, jenseits der von Raviola untersuchten Panegyrik, erfahren wir bei Keller, die von «kulinarischen Dissonanzen» (S. 95) zwischen Eleonora Gonzaga-Nevers und ihrer Schwiegertochter hinsichtlich des großen Knoblauchkonsums der ersten spricht.
Der Sammelband ist nicht nur durch den theoretischen Rahmen der Einleitung, sondern auch durch Querverweise und Referenzen kohärent und in sich abgerundet. Er bietet ein umfassendes Bild des Umfelds und der Handlungsräume der beiden Gonzaga-Kaiserinnen. Wenn man schwerlich etwas vermissen wollte, dann vielleicht einen eigenen Beitrag zur Wissens(transfer)geschichte oder zur Medizingeschichte mit Blick auf die Leibärzte und das Körperverständnis der beiden Frauen.