

Reviewer Vivien Baumert - FBK-ISIG
CitationLange hielten sich in der Geschichtswissenschaft Prämissen über die Definitionsräume von Arbeit, die die Bandbreite wirtschaftlicher Produktivität vergangener Gesellschaften überwiegend an ihren männlichen Teilnehmern maßen. Der Band The Whole Economy. Work and Gender in Early Modern Europe sieht sich in der Nachfolge früherer Studien, die die weibliche Perspektive von Arbeit in den Mittelpunkt rückten.
Margaret R. Hunt und Alexandra Shepard übernehmen die Einführung in den Band. Darin geben sie einen Überblick über geschlechtergeschichtliche Entwicklungen der frühneuzeitlichen Wirtschaftsgeschichte sowie die vielfältigen Tätigkeitsfelder von Frauen. Im Fokus stehen dabei makroökonomische Wandlungsprozesse, unter anderem in den Bereichen Textilproduktion, Landwirtschaft, Handel, Kapitalanlagen und mehr. Als Anspruch formulieren die Herausgeberinnen die Einbeziehung weiblicher Perspektiven für eine umfassendere Sicht auf die frühneuzeitliche europäische Wirtschaft und bestehen dabei auf die Sichtbarmachung von Frauen als Akteurinnen. Im Kontext des Buches heißt das konkret: Wirtschaftlicher Wandel beeinflusste das Leben und Arbeiten von Frauen nicht einfach, sondern sie produzierten ihn aktiv mit.
Die sieben thematisch groß angelegten Kapitel spiegeln zentrale Bereiche frühneuzeitlicher Arbeit wider und spielen insofern mit der inzwischen konsensual hinterfragten Dichotomie von Privat und Öffentlich, als sie sich von vermeintlich kleingruppierteren (Haushalt) hin zu annähernd gesellschaftsübergreifenden Dimensionen von Arbeit (Krieg) entwickeln.
Zu Anfang steht der Haushalt, den Maria Ågren als Auflösung der besagten Dichotomie in den Fokus rückt. «[H]ousehold economies» (S. 51) seien nicht primär als privater Konsumraum, sondern als produktiver, nach außen vernetzter und durch weibliche wie männliche «Mehrfachtätigkeit» (S. 26), also multiple Arten von Arbeit, geprägter Handlungsraum zu verstehen. Anders als bisher angenommen, so Ågren, arbeiteten auch Männer meist in mehreren Tätigkeitsfeldern und verfügten selten über eine eindeutige berufliche Identität. Alexandra Shepard beschäftigt sich indes mit den Facetten frühneuzeitlicher Care-Arbeit. Auch sie rückt dabei die Rolle von Männern in den Fokus. Sie zeigt, dass Care-Arbeit eine zentrale, häufig unbezahlte Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns war und wesentlich zum Funktionieren der frühneuzeitlichen Gesellschaft beitrug. Shepard verdeutlicht, dass diese Tätigkeiten nicht ausschließlich von Frauen ausgeführt wurden, sondern Teil der von Ågren eingeführten pluralen und geschlechterübergreifenden Arbeitsorganisation frühneuzeitlicher Haushalte waren. Jane Whittle und Hilde Sandvik stellen im Kapitel zum Sektor Landwirtschaft heraus, wie regional variierende Produktionsweisen auf die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern einwirkten. In Norwegen führten Frauen ihre Höfe vermehrt allein, während ihre Männer sich in der Fischerei betätigten. In Südwestengland hingegen blieb eine klarere geschlechtliche Differenzierung der Aufgaben bestehen. Die Studie macht deutlich, dass landwirtschaftliche Tätigkeiten je nach Region und Zeitraum sehr unterschiedlich organisiert waren, beweist aber auch, dass Frauen an weit mehr Arbeiten beteiligt waren, als ihnen die Forschung bislang zugestanden hat.
Carmen Sarasúas Kapitel zur ländlichen Produktion beleuchtet die besagten makroökonomischen Implikationen weiblicher Exportkraft. Frauen beteiligten sich an qualifikationsintensiven Tätigkeiten und organisierten flexible Produktionsnetzwerke, die städtische Strukturen ersetzten und den kolonialen Handel mitgestalteten. Ihre Erwerbstätigkeit beeinflusste oder durchbrach zudem etablierte Strukturen der wirtschaftlichen Partizipation, indem unverheiratete und verwitwete Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangen konnten. Im Feld des urbanen Handels wurden Handlungsspielräume dagegen kleiner – zumindest in der Theorie. Wie Anna Bellavitis in ihrem Kapitel herausarbeitet, begegneten Frauen insbesondere im Zunftwesen verschiedenen rechtlichen Einschränkungen, die in der Praxis aber weniger streng umgesetzt wurden als angenommen. Kurz: Die Mitarbeit von Frauen war trotz zunftrechtlicher Verbotszonen unentbehrlich. Bellavitis verdeutlicht damit die Bedeutung eines diversen Quellenkorpus, das neben normativen Rechtsquellen auch tatsächliche Lebensrealitäten abbilden kann.
Amy Louise Erickson und Ariadne Schmidt stellen gängige Deutungen von Migration in Frage, die Frauen vor allem mit kleinräumiger und von Abhängigkeiten geprägter Mobilität verbinden. Ihre Untersuchung zeigt, dass viele Frauen allein in Städte migrierten, um dort eine Erwerbsarbeit aufzunehmen und in den unterschiedlichsten Bereichen des städtischen Arbeitsmarkts wie Gewerbe, Textilproduktion oder Dienstleistungen Anschluss fanden. Gestützt auf bislang selten herangezogene Quellen wie Heiratsregister machen die Autorinnen deutlich, dass weibliche Migration eigenständigen ökonomischen Überlegungen folgte. Frauen trafen Migrationsentscheidungen nicht lediglich als Reaktion auf männliche Familienmitglieder, sondern als aktive Teilnehmerinnen familiärer und wirtschaftlicher Strategien.
Margaret R. Hunt zeigt in ihrem Beitrag zum Thema Krieg, dass eine auf männliche Erfahrungen fokussierte Militärgeschichtsschreibung Frauen und ihre Bedeutung für die Kriegsökonomie ausblendet. Indem die Forschung entweder technische Aspekte des Krieges oder den Ausbau staatlicher Finanz- und Militärstrukturen in den Mittelpunkt stellt, bleiben weibliche Tätigkeiten weitgehend unsichtbar. Frauen erscheinen allenfalls randständig, während ihre Rolle in Versorgungsketten oder der Absicherung des zivilen Alltags kaum berücksichtigt wird. Hunt legt die Defizite bisheriger Forschungsfragen offen und plädiert dafür, Krieg als gesellschaftlichen Prozess zu begreifen, der Arbeitsweisen, Lebensbedingungen und Handlungsspielräume einer breiten Bevölkerungsschicht, das heißt der «Whole Economy», veränderte und gleichzeitig Möglichkeiten zur Partizipation eröffnete.
Der Band leistet einen wichtigen Beitrag zu einer inklusiveren, differenzierteren und realistischeren Darstellung der europäischen Wirtschaftsgeschichte mit wichtigen Impulsen zu intersektionalen Perspektiven. Ob der sinnvollen und nachvollziehbaren Strukturierung von individuelleren hin zu kollektiveren Fragestellungen fehlt ein abschließendes Kapitel, das die Ergebnisse über die Schlussfolgerungen der einzelnen Beiträge hinaus zusammenbringt und nächste Schritte für die Forschung generiert. Oftmals besteht in der geschlechterhistorischen Forschung die Tendenz, gender und Frau-sein als soziale Kategorien gleichzusetzen. Die Beiträge lösen dieses Problem durch ihre Quellenvielfalt und direkte Vergleiche mit männlichen Transgressionen vermeintlicher Geschlechtergrenzen, sodass zwar keine Reflexion vormoderner Geschlechterbinarität stattfindet, doch eine Verschränkung von Geschlecht deutlich wird, die die rigide Abgrenzung von weiblich und männlich hinterfragt. Insgesamt stellt The Whole Economy ein theoretisch reflektiertes und nachhaltig fundiertes Referenzwerk dar.