

Reviewer Gabriele Clemens - Universität des Saarlandes
CitationDie rund 550 Seiten umfassende Monographie beschreibt die Geschichte der katholischen Kirche von 1700-1903, und endet mit dem Jahr, in dem Pius X. sein Amt antrat. Caiani bezeichnet die Epoche als Zeitalter der Revolutionen, womit er einen sehr weiten Revolutionsbegriff verwendet. In insgesamt zehn Kapitel geht er den Fragen nach, wie die einst komfortable Beziehungs- und Machtstrukturen zwischen Katholischer Kirche und den Staaten im 18. und 19. Jahrhundert zerfielen. In dieser Zeit stand das Papsttum wiederholt vor dem Abgrund, weigerte sich aber auf den Kirchenstaat zu verzichten war nicht einmal bereit, die Niederlage von 1870 zu akzeptieren. Caiani möchte mit seinem Buch keine Kirchengeschichte bieten, hingegen einen Beitrag zur Politik der katholischen Religion. Dabei sind die Prozesse im ausgewählten Zeitraum keine lineare Geschichte von Aufstieg und Niedergang, und auch nicht von Erneuerung und Regeneration. Der Kampf der Kirche spielte sich auf mehreren Ebenen ab: in Auseinandersetzungen mit den Staaten, in denen der Katholizismus eine bedeutende Rolle spielte, sowie in Auseinandersetzungen mit den einzelnen Landeskirchen und auf der ideologischen Ebene.
Zunächst skizziert Caiani die Allianz von Thron und Altar während des Ancien Régime. Die Römische Kirche wurde zunehmend kritisiert für ihre überdimensionierten Barockbauten, Prachtdemonstrationen; Bischöfe und Äbte wurden als maßlose Parasiten karikiert und Mönche als verschwenderisch, korrupt und sexuell ausschweifend charakterisiert. Der agrarische Landbesitz der Kirche in Europa umfasste 10-20 Prozent der Gesamtfläche und war aufgrund von Privilegien steuerbefreit. Die kirchlichen Karrieren konnten eine „Schnellspur“ zur Macht bedeuten. Hohe Kirchenämter strebten die Protagonisten weniger aufgrund von Berufung an, sondern vielmehr um Pfründe zu sammeln. Das nächste Kapitel thematisiert den Reformkatholizismus und die Aufklärung (1773-1789). Unserer zeitgenössischen Faszination für die „zukunftsweisenden“ Schriften der Aufklärer führt eindeutig zu einer Überbewertung, sie waren keineswegs repräsentativ für ihre Zeit. Sehr selten wurden von der Inquisition Fälle von Atheismus verfolgt. Nach der Amtszeit des fortschrittlichen und kulturell offenen Benedikt XIV. (1740-1758) entzweiten sich Thron und Altar zunehmend, einerseits aufgrund von Reformen innerhalb des Katholizismus. So wollten Anhänger des Jansenismus die Macht des Papstes in den Nationalkirchen beschränken und diese demokratischer gestalten. Andererseits griffen die Reformen des aufgeklärten Absolutismus katholische Bastionen an, etwa durch die Aufhebung von über 400 Klöstern durch Joseph II. in Österreich. Das Kapitel schließt Caiani mit der Spekulation ab, ob ein Reformweg für die katholische Kirche möglich gewesen wäre, wenn es nicht zur Revolution von 1789 gekommen wäre.
Diese war verbunden mit einschneidenden Maßnahmen: Alle Ordensgüter wurden verstaatlicht und verkauft, um die drückende Staatsschuld zu mindern. Mönche und Nonnen wurden nach Hause geschickt oder mit geringen Pensionen ausgestattet. Die Diözesen wurden den neu geschaffenen Verwaltungseinheiten, den Departements, angeglichen und Pfarrer und Bischöfe mussten einen Eid auf die Verfassung ablegen und wurden fortan vom Staat bezahlt. Diese Maßnahmen führen zu einer tiefgehenden Spaltung. Rund die Hälfte der Pfarrer verweigerten diesen Eid, Tausende wurden nach französisch Guyana deportiert und in der Vendée tobte ein Bürgerkrieg zwischen Adligen, Bauern und Pfarrern auf der einen, und Revolutionären auf der anderen Seite. Im Zuge der Revolutionskriege wurde der Kirchenstaat 1797 erobert, damit endete erstmals die päpstliche «Tyrannei» (S. 173). Diese Bezeichnung ist übertrieben, denn folglich wären alle Herrscher des Ancien Régime Tyrannen gewesen. Daran schließt sich ein Kapitel zum napoleonischen Empire an. Hier wurde der Papst Pius VI. als Gefangener ins «frühe Grab» geschickt, mit 81,5 Jahren (S. 184), ein für diese Zeit geradezu biblisches Alter. Napoleons Versuche, die Spaltung der Kirche aufzuheben, gelangen nicht, zwischen Eidverweigerern und Anhängern der Staatskirche erfolgte keine Annäherung. Papst Pius VII. kooperierte zunächst, wurde dann aber ebenfalls gefangen genommen, weil er die von Napoleon verhängte Kontinentalsperre unterlief. Er verbrachte Jahre in Savona und Fontainebleau, was ihn für die ländlichen Katholiken zum Märtyrer machte. Napoleon und seinem Bruder Joseph auf dem spanischen Thron übten nicht, wie hier dargestellt, eine eiserne Kontrolle über Spanien aus (S. 203). Dieses riesige Land mit seinen Gebirgsregionen ließ sich nicht militärisch kontrollieren. Hier begehrten vielmehr die katholischen Bauern gegen die Zumutungen einer rationalen Modernisierung auf.
Während der Französischen Revolution und dem napoleonischen Empire war die katholische Kirche an ihrem Tiefpunkt angelangt. Doch auf dem Wiener Kongress setzte der Gesandte Ercole Consalvi die Restauration des Kirchenstaates durch. Nach 1815 waren die Berater des zurückgekehrten Papstes zerstritten, während Consalvi auf Reformen und Liberalisierung drängte, forderten andere, unter ihnen Kardinal Bartolomeo Pacca, erfolgreich eine reaktionäre Wende. Im Kapitel über die „Resurrection“ werden die Verhältnisse der katholischen Kirche in Südamerika eingehender beleuchtet. Rom stellte sich hinter Bischöfe, die loyal gegenüber den spanischen Krone blieben, und nicht hinter jene Priester, die sich den Aufständischen anschlossen. Nach vier konservativen Päpsten, verbreitete die Wahl Pius IX. (1846-1878) kurzzeitig Hoffnung auf eine liberale Amtsführung. Kurz nach Amtsantritt führte er einige Reformen ein und verkündete eine Amnestie. Nach dem Ausbruch der 1848er Revolution erließ er notgedrungen eine Verfassung wie die anderen italienischen Herrscher auch. Im November wurde der liberale Innenminister Pellegrino Rossi auf den Stufen der Cancelleria erstochen, woraufhin Pius IX. in die Festung Gaeta floh, wo ihn der König von Neapel schützte. Er blieb dort mehrere Monate und beobachtete das Schicksal der Römischen Republik, die von französischen, spanischen und süditalienischen Truppen erfolgreich bekämpft wurde. Der Papst kehrte in einem Triumphzug zurück. In diesen Monaten im Exil mutierte er zum ultrakonservativen Machthaber. In seiner extrem langen Amtszeit versuchte er mit seinen Enzykliken die Kirche vor grundlegenden Neuerungen des 19. Jahrhunderts zu bewahren. 1864 veröffentlichte er die Enzyklika Quanta Cura, in der er die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat verurteilte. In einem Anhang von 80 Artikeln wurden die „Irrtümer“ der Moderne verurteilt: darunter der Pantheismus, der Rationalismus, der Sozialismus, der Kommunismus, liberale Forderungen nach staatlicher Schulhoheit und die Gleichstellung nichtkatholischer Konfessionen. Zeitgleich erfuhr die Volksfrömmigkeit einen erheblichen Aufschwung mit dem von ihm propagierten Kult um die unbefleckte Empfängnis Mariens. 1870 nutzte er das von ihm einberufene Konzil, um seine Unfehlbarkeit bestätigen zu lassen. In September diesen Jahres musste er dann aber ohnmächtig zusehen, wie die Truppen des italienischen Nationalstaats Rom eroberten. Er zog sich als „Gefangener“ in den Vatikan zurück und agitierte von dort aus gegen das Italienische Königreich. Den Anspruch auf sein „Königreich“ gaben weder er noch seine Nachfolger auf. Caiani postuliert, dass Pius IX. dieses zwar verloren, dafür aber weltweit an Einfluss gewonnen habe. Die letzten Kapitel widmet er dem Zeitraum nach Pius Tod bis 1903 und zeigt, wie die katholische Kirche sich gemeinsam mit den Imperialmächten in Afrika ausbreitete und dabei auch in massiver Gewalt gegenüber den Einheimischen verstrickte. Die Missionare bauten eben nicht nur Schulen und Krankenhäuser. Nicht unerwähnt bleibt auch der von der Katholischen Kirche unterstützte Antisemitismus am Beispiel der Dreyfuss-Affäre. Caiani hat eine sehr lesenswerte Überblicksdarstellung zur Kirchengeschichte basierend auf englischer, französischer und italienischer Literatur vorgelegt. Die Lektüre macht regelrecht Freude aufgrund des guten Sprachstils und der eingebauten Anekdoten. Doch hier und da fragt sich der Leser dann doch, ob die Päpste in emotionalen und/oder bedrohlichen Situationen tatsächlich geweint haben (so S. 173, 225, 227 u. 303)?