

Reviewer Martina Fuchs - Universität Wien
CitationDie Geisteswissenschaften – und somit auch die Geschichtsschreibung – sind nach wie vor ein jubiläumsabhängiges „Handwerk“, was in überreichem Maße auch für das 500jährige Jubiläum des Bauernkriegs von 1525 zutrifft, der in den letzten Jahrzehnten nicht gerade im Zentrum der Forschung stand. Nun haben Forscherinnen und Forscher den „Großen Bauernkrieg“ wiederentdeckt und sich mit diesem vielschichtigen Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beschäftigt, etwa regionalhistorischen Zugängen oder den Bauern eine Stimme gebend; grundsätzlich wurde die Themenpalette im Vergleich zu älteren Publikationen deutlich erweitert: So wird jetzt beispielsweise auch nach der Rolle der Frauen in den Bauernaufständen gefragt, oder man bezieht rezeptionsgeschichtliche Perspektiven mit ein.
Thomas Kaufmann, Direktor der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, ist als evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker ein ausgewiesener Kenner der Reformationsgeschichte und durch zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen hervorgetreten. Er wählt in seiner hier anzuzeigenden Monographie einen Zugang, der sich von den „üblichen“ Darstellungen des Bauernkriegs stark unterscheidet: Die Ereignisgeschichte spielt praktisch keine Rolle; er folgt einem mediengeschichtlichen Zugang, um seine Grundthese zu untermauern: «Den Bauernkrieg gab es, weil er medial initiiert und inszeniert wurde.» (S. 19) Sein Vorhaben bearbeitet er in vier Kapiteln: Im Zentrum des ersten Kapitels (Lange Schatten – Zur Geschichte der Deutung und Erforschung des Bauernkriegs) stehen zunächst zeitgenössische Deutungen, sowohl von katholischer Seite als auch von Luther und seinen Parteigängern. Interpretationen des Bauernkriegs im konfessionellen Zeitalter, in Pietismus und Aufklärung, in der Geschichtspolitik des 19. Jahrhunderts sowie im 20. Jahrhundert aufkommende Forschungstendenzen werden kenntnisreich vermittelt. Das zweite Kapitel („Bauernkriege“ vor dem Bauernkrieg? – Bewegte Bauernbilder in unruhigen Zeiten) widmet sich der Darstellung, dem „Bild“, des Bauern in der Publizistik vor dem Bauernkrieg, etwa in literarischen Texten und in der Druckgraphik.
Das zentrale dritte Kapitel (Die Publizistik des Bauernkrieges – der Bauernkrieg in der Publizistik) geht unter anderem auf die Zwölf Artikel oder die Memminger Bundesordnung ein, schildert den publizistischen Kampf gegen die Bauern, die Folgen von Martin Luthers „Bauernschriften“ und die Kampagne «Wider den Wittenberger Bauernschlächter» (S. 200). Der Wittenberger Professor deutete schließlich den Bauernkrieg als Strafe Gottes gegen Deutschland, welches ein Leben nach dem wahren Evangelium verweigert habe (vgl. S. 230). Die überwiegende Anzahl der ca. 250 Drucke zum Bauernkrieg stammt von Anhängern der Reformation oder nimmt eine bauernkritische Haltung ein (vgl. S. 247), wobei Martin Luther der meistgedruckte Autor dieses „Genres“ war (vgl. S. 139).
Durch Lieder, die in erster Linie nach gewaltsamen Auseinandersetzungen Verbreitung fanden, wurden entsprechende Wertungen – und damit verbunden, Warnungen vor Aufständen – breiteren Gesellschaftsschichten bekannt.
Mit der «Verarbeitung» des Bauernkriegs beschäftigt sich das vierte Kapitel (Verarbeitungen des Bauernkriegs – Impressionen und Perspektiven): Für die römische Kirche demonstrierte der Bauernkrieg, wohin Luthers Bruch mit der „wahren“ Kirche führte; für Luther und seine Anhänger hingegen, dass die von Gott eingesetzte Obrigkeit die Ordnung herzustellen, das „weltliche Schwert“ zu führen habe (vgl. S. 249). Es schließen sich Überlegungen zu Luthers Schrift De servo arbitrio (Vom unfreien Willen), der Herstellung der Ordnung im Sinne Wittenbergs (Pfarreien, aber auch das «weltliche regiment» [S. 260] zu visitieren), einigen «Bauernkriegsveteranen der ‹radikalen Reformation›» (S. 268), etwa des 1528 in Wien hingerichteten Balthasar Hubmaier, des 1525 aus Nürnberg ausgewiesenen Hans Denck oder Hans Hut, einem frühen Vertreter des Täufertum mit Nähe zu Thomas Müntzer, an. Ferner analysiert Kaufmann «Neue Bauernbilder in der druckgraphischen Kunst» (S. 291) (beispielsweise eines Augsburger Künstlers mit dem Notnamen „Petrarca-Meister“), um abschließend unter dem Motto «Heldendämmerung – Abschied von sinnstiftenden Narrativen» einige Schlaglichter auf literarische Werke (Wolfgang von Goethe, „Götz von Berlichingen“; Gerhart Hauptmann, „Florian Geyer“), das Bauernkriegspanorama bei Bad Frankenhausen, Straßenbenennungen nach „Bauernkriegsführern“ sowie die Benennung etlicher SS-Divisionen nach denselben Herren zu werfen. Die Ausführungen zur Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert bedürften einer eignen Analyse; sie stehen mit dem eigentlichen Thema des Buchs in keinem ursächlichen Zusammenhang und wirken hier etwas deplatziert. Sie widersprechen auch der stupenden Quellenkenntnis des Autors, seine „eigentlichen“ Quellen betreffend. Kaufmanns Vertrautheit und Durchdringung der Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts spiegeln sich in einem umfassenden Anmerkungsapparat wider (175 S.!), der durch ein Quellen- und Literaturverzeichnis, in welches besagte Drucke bedauerlicherweise keine Aufnahme fanden, ergänzt wird. Außerdem findet sich ein Register, das neben einigen wenigen Begriffen im Wesentlichen ein Ort- und Personenregister darstellt. Die zahlreichen Abbildungen werden im Anhang ebenfalls erfasst: Grundsätzlich sind die Abbildungen – dem Format des Buches geschuldet – sehr klein geraten: Die Augen der Benutzerinnen und Benutzer werden, besonders was Textpassagen betrifft, stark gefordert. Hätte bei einem Werk, welches sich per se mit Druckgraphik beschäftigt, nicht eine ansprechendere Lösung gefunden werden können?
Der „Bauernkrieg“ war schon für die Zeitgenossen der „Bauernkrieg“, wurde dieser Terminus doch, wie der Autor belegt, bereits 1525 in einem Lieddruck verwendet (vgl. S. 16); eng ist auch der immer wieder betonte Konnex „Reformation – Bauernkrieg“: Beide wurden durch die Druckpresse befördert. Ob gerade der Bauernkrieg, so die bereits erwähnte zentrale These Kaufmanns, tatsächlich „nur“ auf Grund der medialen Begleitung und Aufarbeitung sowie medial ausgefochtener Kontroversen möglich war, bleibe dahingestellt. Zur Verbreitung des Aufstands haben neben persönlichen Kontakten einzelner Protagonisten sicherlich auch die Erzeugnisse der Druckerpresse beigetragen, wobei das Epizentrum – der kriegerischen Auseinandersetzungen sowie der Publizistik – in der Mitte sowie im Südwesten des Heiligen Römischen Reiches lag. Durch den Bauernkrieg wurde wiederum das landesherrliche Regiment gestärkt, was in vielen Fällen auch die Durchsetzung der Reformation mit sich brachte. Der Bauernkrieg war wohl – hier ist Kaufmann zuzustimmen – das erste (europäische) Großereignis, das entsprechend medial begleitet und unter unterschiedlichen Auspizien vereinnahmt wurde. Der These, der Bauernkrieg sei medial induziert worden, kann sich die Verfasserin der gegenständlichen Besprechung trotz der überbordenden Quellenanalyse Kaufmanns nicht vorbehaltslos anschließen.
Grundsätzlich richtet sich das Werk an ein versiertes Fachpublikum, das sich nach der Lektüre mit einer Fülle interessanter Entdeckungen und Beobachtungen belohnt sieht.