Annali dell'Istituto storico italo-germanico | Jahrbuch des italienisch-deutschen historischen Instituts

40, 2014/2

Italo Michele Battafarano

Il lavoro italiano nella letteratura tedesca secondo Andersch, Archenholtz, Delius, Eichendorff, Freytag, Frisch, Fritz, Goethe, Gundling, Hansjakob, Jandl, Malkowski, Nicolai, Timm

Review by: Simonetta Sanna

Authors: Italo Michele Battafarano
Title: Il lavoro italiano nella letteratura tedesca secondo Andersch, Archenholtz, Delius, Eichendorff, Freytag, Frisch, Fritz, Goethe, Gundling, Hansjakob, Jandl, Malkowski, Nicolai, Timm
Place: Taranto
Publisher: Scorpione Editrice
Year: 2013
ISBN: 978-888-8099-292-9

Reviewer Simonetta Sanna

Citation
S. Sanna, review of Italo Michele Battafarano, Il lavoro italiano nella letteratura tedesca secondo Andersch, Archenholtz, Delius, Eichendorff, Freytag, Frisch, Fritz, Goethe, Gundling, Hansjakob, Jandl, Malkowski, Nicolai, Timm, Taranto, Scorpione Editrice, 2013, in: ARO, 40, 2014, 2, URL https://aro-isig.fbk.eu/issues/2014/2/il-lavoro-italiano-nella-letteratura-ted-simonetta-sanna/

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Italo Michele Battafarano ist nicht nur der bedeutendste italienische Experte für die deutsche Literatur der frühen Neuzeit und als solcher eine stetige Präsenz im internationalen Diskurs; ebenso wichtig sind seine Studien zu den italienisch-deutschen Beziehungen, die von Tacitus’ Germania bis in die heutige Zeit reichen. Zu diesen Studien gehört auch der vorliegende, soeben erschienene Band, der innerhalb der umfangreichen deutschen Literatur über Italien in seiner Betrachtung über die italienische Arbeit – ausgehend vom 16. Jahrhundert bis heute – durch seine originelle Perspektive besticht. Reich an kulturhistorischen Reflexionen bietet die vorliegende Arbeit eine Vielzahl von Denkanstößen für die gegenseitige Kenntnis, aber auch für eine selbstkritische Revision.

Die Darstellung beginnt mit dem einzigartigen Beispiel der Piazza Vniversale di tutte le professioni del mondo von Tomaso Garzoni, einem über tausend Seiten langen Kompendium, das erstmals 1585 in Venedig erschien und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in lateinischer, deutscher und spanischer Sprache editiert wurde. Das Werk rezipiert die Arbeit als Ware oder Dienstleistung, die auf dem öffentlichen «Markt» im Dienste der Gemeinschaft zum Tausch angeboten wird. Garzonis Werk zeichnet sich gerade auch dadurch aus, dass es in enzyklopädischer Form die verschiedenen Berufe in Handel, Kunst, Wissenschaft und Handwerk beschreibt, an denen Italien zu jener Zeit so reich war. Der Verfasser zeigt die historische Entwicklung dieser Berufe auf, erläutert aber insbesondere konkret, welchen Werkzeugen sie sich bedienen und wie sie ausgeübt werden.

Es verwundert deshalb nicht, dass in einem nach den Grauen des Dreißigjährigen Krieges sich um wirtschaftlichen Neubeginn bemühenden Deutschland die Piazza Vniversale während des gesamten 17. Jahrhunderts mehrfach editiert und aktualisiert wurde und sich einer großen Leserschaft erfreute. Ihre Verbreitung war derart, dass sie sogar, wie Battafarano dokumentiert, die deutsche Sprache beeinflusste. Das von den Brüdern Grimm begründete Lexikon der deutschen Sprache enthält in der Tat zahlreiche von den Übersetzern Garzonis geprägte Lehnwörter, um die lexikalischen Lücken zu füllen. Und der wichtigste Erzähler der Zeit, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, rekurriert in seinen Werken, etwa im Simplicissimus (1668/69) mehrfach auf die Piazza Vniversale, während er in seinem Ewigwährenden Calender (1670) Garzoni selbst in der Figur Zonagri ein Denkmal setzt. In Italien erfreute sich die Piazza Vniversale dagegen keiner besonderen Rezeption und bis heute wird daher Garzoni nur als Traktatist der Gegenreformation behandelt.

In der deutschen Literatur der nachfolgenden Jahrhunderte ist Italien nicht mehr Orientierungspunkt in Sachen Arbeit als vielmehr Anlass, sich mit der ökonomischen, politischen und kulturellen Dekadenz des Landes, welche nach dem Konzil von Trient allmählich einsetzt, auf verschiedenste Weise auseinander zu setzen. Neben den zahlreichen Feiertagen, die von Muratori in seinem Traktat Della regolata divozion de’ Cristiani (1747) als Ursache für die Störung eines im Zeichen der Arbeit stehenden Lebensrhythmus angeprangert werden, erinnert Battafarano an das Fehlen eines zentralen Staates und einer fortschrittlichen sozial-ökonomischen und politischen Verwaltung. Die deutschsprachigen Reisenden der nachfolgenden Jahrhunderte vernachlässigen jedoch häufig die tieferen Ursachen dieses Verfalls und belassen es bei den anthropologischen Charakterzügen der Italiener, die in ihren Augen als abergläubisch und unwissend, unfähig, träge und faul erscheinen.

Das Andere wird im «Dienst einer zivilen Erziehung» (S. 40) als negativer Gegenpol zum Eigenen charakterisiert. So weist beispielsweise Nikolaus Hieronymus Gundling, Professor für Philosophie in Halle, in seinem Werk Historie der Gelehrtheit (1734-1745) auf die außerordentliche Dekadenz des italienischen Bildungssystems sowie die «zu vielen Feiertage» hin und kritisiert die Zensur der Bücher. Johann Wilhelm von Archenholtz stellt in England und Italien (1785) zwei Entwicklungsmodelle gegenüber: Fortschritt und Freiheit in England, Korruption und mangelnde Zivilethik in Italien. Städte wie Ancona, Lucca oder Genua werden allerdings im Namen einer größerer Gleichheit unter den Bürgern und eines freien Unternehmertums, welche aufgrund der nur begrenzten Intervention von außen, beispielsweise der Jesuiten, möglich sind, positiv hervorgehoben. Noch drastischer fällt das Urteil bei Gustav Nicolai, einem preußischem Divisionsauditeur aus. In Italien wie es wirklich ist (1834) wird Neapel, das jahrhundertelang unter der Herrschaft Spaniens stand, mit einem Schweinstall verglichen und die Lazzaroni werden als Schweine bezeichnet.

Erst mit Goethe – so Battafarano – wandeln sich die in Europa etablierten Klischees über Neapel und die Lazzaroni, Vorstellungen, die selbst bei Montesquieu und Hegel sowie im «guten Volkmann», dem vielkonsultierten Italienhandbuch, mit dem auch Goethe nach Italien reiste, vorzufinden sind. Dem Weimarer bietet Italien einen völlig anderen Spiegel als seine Vorgänger: In Italien erlebt Goethe eine geistige Wiedergeburt gerade durch das «dauernde Reflektieren über sich und das andere». Indem er beide Pole im Auge behält, entwirft er ein diverses, durch ein «sich ständig erneuerndes Bewusstsein» gefiltertes Italienbild. Er geht dabei von der Annahme aus, dass die eigentliche Gefahr einer Verfälschung des Urteils beim Individuum liege (S. 53-54), indem dieses Stereotypen und Vorurteile auf die externe Realität projiziert. Goethe entwickelt eine «systematische Methode der Beobachtung, bestehend aus Beschauen und Überlegung, aus Momentwahrnehmung und anhaltender Betrachtung, aus der Wahrnehmung von Einzel- und Gruppenobjekten, aus Statik und Dynamik sowie aus Arbeit und Arbeitspausen» (S. 57). In Bezug auf die Lazzaroni ist dies geradezu beispielhaft. Goethe erklärt infolgedessen, in Neapel keine «Faulenzer im eigentlichen Sinne» gefunden zu haben (mit Ausnahme der reichen Schichten und der Geistlichkeit, die sich ebenfalls für die Verwaltung der öffentlichen Belange nicht interessieren). So resultiert schließlich eine Beschreibung der Neapolitaner als «bewusste Vertreter einer Arbeitsmoral» (S. 59), die zugleich nicht die Möglichkeit ausschließt, am «großen Freudenfest, das in Neapel täglich gefeiert wird», teilzuhaben, was sie von der angsterfüllten und pflichtbesessenen theologisch begründeten Arbeitsvorstellung seiner Landsleute grundsätzlich unterscheidet.

Dem nordischen Gefängnis von Arbeit und Entbehrung entflieht auch die Hauptfigur der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts (1826) von Joseph von Eichendorff, um in einer mit dem Heiligen Jerusalem gleichenden Stadt Rom eine Alternative zu den Unruhen (Französische Revolution) und der Restauration (Österreich) seiner Zeit zu finden. Diese soziale Utopie zerbricht jedoch. Gerettet wird eine individuelle Lösung in Form der Liebe und der Rückkehr zum bürgerlichen Leben, während Rom zum bloßen Ziel der Hochzeitsreise degradiert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Thema der italienischen Arbeit von Gustav Freytag in seinen Bildern aus der deutschen Vergangenheit, «Doku-Roman … oder volkstümliche Chronik» (S. 85), erneut aufgegriffen, da dieser für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges Garzoni wiederentdeckt. Etwas später erläutert der katholische Priester Heinrich Hansjakob wenige Jahre nach der Vereinigung Italiens (1861) und Deutschlands (1871) in seinen Reiserinnerungen: In Italien (1877) vergleichend die beiden historischen Prozesse. Er kritisiert an Papst Pius IX, dass dieser unfähig gewesen sei, für die Sache seines Landes einzutreten. Näher fühlt sich der katholische Geistliche dagegen einem italienischen Kommunisten, dessen Weg in die Verbannung, eskortiert von zwei Carabinieri, er zufällig teilt, denn dieser prangert unerschrocken «die Arroganz des ausbeuterischen und gierigen Adels und Bürgertums» (S. 99) an.

Auch im 20. Jahrhundert wird die geschichtliche Entwicklung Italiens jener Deutschlands gegenübergestellt. In Vogel, friss die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen (1989) erzählt Uwe Timm beispielsweise von Gramsci und reflektiert dabei über ein auf Konsens basierendem Modell von Sozialismus, das sich immer wieder neu bedenkt und auf «Ungenauigkeiten, Fehler und Anachronismen» (105) achtet, wie Gramsci auf dem Titelblatt des Quaderno del carcere, Nr. 18, vermerkte. Friedrich Christian Delius greift mit Gramscis erste Überfahrt (1981) erneut die für die 68-Bewegung in Deutschland so maßgebende Figur des Revolutionärs ebenfalls auf, um über die Rolle des Intellektuellen und den Gang der Geschichte zu reflektieren.

Der italienische Arbeiter kommt dagegen in Alfred Anderschs Roman Die Rote (1960/1972) in den Blick. Andersch erzählt vom Fischer Piero und von der Lagune Venedigs, die durch die Chemie-Industrie von Mestre vergiftet wird (S. 109-113). Im Vorwort zum Band Siamo italiani von Alexander J. Seiler setzt sich Max Frisch mit der italienischen Immigration in der Schweiz der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts auseinander (S. 113-121). Frisch kreidet seinen Landsleuten an, dass sie «Arbeits-Kräfte» riefen und nicht bedachten, dass Menschen kamen, und nun befürchten, «überfremdet» zu werden. Im Gedicht fremdarbeiter (1963) thematisiert Ernst Jandl dagegen den Konflikt zwischen Agrar- und Industriegesellschaft (S. 121-127), während Helmut Fritz in Mann in Apulien (1970/1979), fast «ein kleiner Odysseus einer täglichen Odyssee» (S. 131), eine «Schicht anthropologischer Archäologie» freilegt, «die ansonsten für immer begraben bliebe» (S. 134) und das sowohl in Deutschland als auch in Italien. Auf originelle Weise bemächtigt sich Rainer Malkowski der in der deutschen Italienliteratur nie ganz versiegten Kritik an mangelnder italienischer Organisation. Der wegen der ständigen Streiks und Mängel bei der Zustellung nur selten geleerte Briefkasten der Piazza Bologna wird im Gedicht Römischer Briefkasten (1983) zur Metapher «für die Sprache der Poesie, die geduldig auf ihren Empfänger wartet».

Jede Seite des Buches ermuntert den italienischen Leser dazu, ausgehend von den kulturellen Gemeinsamkeiten Deutschlands und Italiens, den deutschen Stimmen Gehör zu schenken, um über das eigene Land nachzudenken, sie als Spiegel für eine kritische und selbstkritische Reflexion zu nutzen. Nicht nur die Perspektive der «italienischen Arbeit in der deutschen Literatur», sondern auch die Analyse der einzelnen Texte ist reich an originellen Überlegungen und Interpretationen, die das Ergebnis einer umfangreichen Fachkompetenz sind, welche gleichzeitig Ergebnis und Ausdruck zivilen Engagements darstellt.

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