II, 2019/2

Markus A. Denzel, Andrea Bonoldi, Anne Montenach, Françoise Vannotti (eds.)

Oeconomia Alpium I: Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums in vorindustrieller Zeit

Review by: Harald Krahwinkler

Editors: Markus A. Denzel, Andrea Bonoldi, Anne Montenach, Françoise Vannotti
Title: Oeconomia Alpium I: Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums in vorindustrieller Zeit. Forschungsaufriss, -konzepte und -perspektiven
Place: Berlin-Boston
Publisher: De Gruyter
Year: 2017
ISBN: 9783110519204
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Reviewer Harald Krahwinkler - Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Citation
H. Krahwinkler, review of Markus A. Denzel, Andrea Bonoldi, Anne Montenach, Françoise Vannotti (eds.), Oeconomia Alpium I: Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums in vorindustrieller Zeit. Forschungsaufriss, -konzepte und -perspektiven, Berlin-Boston, De Gruyter, 2017, in: ARO, II, 2019, 2, URL https://aro-isig.fbk.eu/issues/2019/2/oeconomia-alpium-i-wirtschaftsgeschichte-des-alpenraums-in-vorindustrieller-zeit-harald-krahwinkler

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Der vorliegende Tagungsband enthält die Druckfassungen der in Hall in Tirol vom 19. bis 21. März 2015 gehaltenen Referate, die ein zukunftweisendes Projekt anvisieren: die Konzeption einer Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums in vorindustrieller Zeit, wie sie auf dem im Briger Forschungsinstitut zur Geschichte des Alpenraums (FGA) veranstalteten 11. Internationalen Symposium zur Geschichte des Alpenraums im September 2012 angeregt worden war. Organisatorisch federführend ist Markus A. Denzel, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Leipzig. Er firmiert – als Präsident der 2013 gegründeten “Stockalper-Kommission” (StoAlp), deren Name den an der Simplon-Route residierenden Großunternehmer und Politiker Kaspar Stockalper (1609-1691) evoziert – als Hauptherausgeber. Abgesehen vom Vorwort (S. VII-VIII) bilden Denzels Einleitung (S. 1-20) und Zusammenfassung (S. 301-313) den Rahmen dieses Bandes, der insgesamt sechzehn Beiträge enthält. Von diesen sind acht in deutscher, fünf in italienischer, zwei in französischer und einer (Zusammenfassung) in englischer Sprache verfasst, jeweils mit vorangestellten englischen “Abstracts”.

Mit dem exklamatorischen Motto “Pour une histoire économique des Alpes!” folgt die Einleitung den programmatischen Spuren Jean-François Bergiers und stellt von Fernand Braudel inspirierte “konzeptionelle Überlegungen” vor. Diese gliedern sich in drei “Themenblöcke”: (I) Raum und Menschen; (II) Alltag; (III) Handel, Migration und Kommunikation. Das solcherart konzipierte Werk soll als dreibändiges Handbuch eine transregionale Synopse der Wirtschaftsgeschichte im “Alpenraum” bieten, also in dem Nord-Süd-Transitraum, der sich zwischen Savoyen und dem heutigen Slowenien erstreckt. Gabriel Imboden präsentiert das Konzept eines – begrifflich auf Alain Dubois zurückgehenden – vorindustriellen “alpenländischen Kapitalismus” (S. 21-29). Andrea Bonoldi erörtert institutionelle und strukturelle Aspekte alpiner Ökonomie (S. 31-55). Alessio Fornasin behandelt Fragen der Demographie (S. 57-71). Die Relevanz der Umweltgeschichte für die Erforschung gerade auch ökonomischer Verhältnisse verdeutlicht Christian Rohr in seinem quellengesättigten Beitrag über “Klima und Umwelt als Rahmenbedingungen alpinen Wirtschaftens” (S. 73-101). Anhand von Beispielen aus dem 12. bis 16. Jahrhundert veranschaulicht er die Herausforderungen für transalpinen Handel und Verkehr. Wir erfahren über die Überquerung des Großen St. Bernhard mit Hilfe von Bergführern (mar(r)ones), über den Zusammenhang zwischen Bergführerwesen und Entstehung von Passhospizen oder über den Saumhandel über die Hohen Tauern. Ein spezieller Abschnitt ist Heuschreckenplagen gewidmet. Abschließend werden Forschungsdesiderate zum alpinen Wirtschaftsleben thematisiert (Organisation des Bergführerwesens; Vulnerabilität des hochalpinen Montanwesens durch abholzungsbedingte Lawinengefahr; Siedlungstätigkeit der Walser; Studien zur Alpwirtschaft; Mühlenbetrieb). Auf eine Reihe von Desideraten weist auch Gerhard Siegl in seiner Forschungsübersicht über ländliche Gemeingüter im Alpenraum hin (S. 103-121). Katia Occhi erörtert die Nutzung von Holzressourcen mit Blick auf die Märkte in der Republik Venedig und mit Auswertung von Tiroler Quellen (S. 123-136). “Überlegungen” zum frühneuzeitlichen alpinen Gewerbe präsentiert Reinhold Reith, der als Beispiel auch die Migration von Tiroler Bauarbeitern anführt (S. 137-148). Speziell mit Arbeitsmigrationen und ökonomischen Interdependenzen zwischen alpinen Tälern und urbanen Zentren Norditaliens beschäftigt sich Luigi Lorenzetti, mit kritischen Anmerkungen zu stereotypen Deutungen Fernand Braudels (S. 149-171). Louiselle Gally-de Riedmatten diskutiert die wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung des “Fremdendienstes” (service étranger) anhand des Wallis, der im Jahre 1815 als zwanzigster Kanton der Eidgenossenschaft beitrat (S. 173-198). Im Wallis begann die erwähnte Form des Solddienstes zunächst in Beziehung zu Frankreich (1516) bzw. Savoyen (1569) und endete 1792 bzw. 1798. Untersucht werden ökonomische Auswirkungen mit Fokus auf Salzhandel (französisches Meersalz im Austausch für alpine Soldaten), Pensionszahlungen verschiedener Kategorien und Organisierung militärischer Kompanien im königlichen Dienst. Ausgehend von den Tiroler Verhältnissen beleuchtet Cinzia Lorandini strukturelle und funktionale Aspekte der Handelsbeziehungen im Alpenraum (S. 199-214). Auf die Handelsgüter Safran, Kupfer und Textilien geht Mark Häberlein in seinem auf die kommerziellen Aktivitäten süddeutscher Handelshäuser im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert gerichteten Beitrag ein (S. 215-231). Einer diskreteren Form des Handels widmet sich Anne Montenach: dem Schmuggelwesen im westalpinen Grenzraum (S. 233-248). Wirtschaftliche Dynamik und soziale Transformationsprozesse von Bergbauregionen erörtert Philipp R. Rössner; er vergleicht das sächsisch-böhmische Erzgebirge vor allem mit dem silbererzreichen Tiroler Montanrevier um 1500 (S. 249-275). Mechthild Isenmanns Betrachtungen zur “Wirtschaftsethik im voralpinen und alpinen Raum am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit” (S. 277-299) entfalten philosophische und theologische sowie allgemein mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen. Hervorgehoben wird die Forschungsfrage, ob die Alpenregion auch einen “Transferraum” für wirtschaftsethische Ideen und Ideale – vor allem von Süden nach Norden – bildete. Markus Denzels Resümee erschließt eine Reihe von Forschungsperspektiven zur Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums (S. 301-313, bes. 311-313).

Aus einem inserierten “Abstract” (S. 306 f.) wird ersichtlich, dass die Druckfassung des rechtshistorischen Beitrages von Vladimir Simič aus Ljubljana (nicht: Ljubliana) fehlt. Zu bedauern ist überhaupt die Unterbelichtung des östlichen Alpenbogens, wenngleich gelegentlich slowenische Historiker genannt werden, gebündelt auch in bibliographischen Angaben (S. 120 f.). Für eine Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums könnte man beispielsweise Anregungen aus dem von Peter Štih und Žiga Zwitter herausgegebenen Sammelband Man, Nature and Environment Between the Northern Adriatic and the Eastern Alps in Premodern Times (2014) aufgreifen. Befremdlich ist weiters, dass – abgesehen von punktuellen Erwähnungen – so gut wie nicht auf geistliche Institutionen und kirchliche Grundherrschaften eingegangen wird. Immerhin entwickelten sich auch im Gebiet des heutigen Slowenien seit der Jahrtausendwende umfangreiche, bis zur Säkularisierung 1803 bestehende Besitzkomplexe der Bistümer Freising (Škofja Loka / Bischoflack) und Brixen (Bled / Veldes), zu denen grundlegende Forschungsarbeiten vorliegen.

Hinsichtlich der sprachlichen Gestaltung des instruktiven Bandes wären nicht nur, aber insbesondere auch für einige englische Texte muttersprachlich korrigierende Eingriffe anzuraten. Wünschenswert wäre ein Anhang mit einem Gesamtverzeichnis zumindest der verwendeten Literatur (analog dem Verzeichnis S. 117-121). Hilfreich wäre ein Register. Jedenfalls darf man nach den vorbereitenden konzeptuellen Überlegungen der Verwirklichung des großen Projektes und der Publikation des angekündigten dreibändigen Werkes erwartungsvoll entgegensehen.

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