II, 2019/2

Bo Stråth, Peter Wagner

European Modernity

Review by: Christoph Cornelißen

Authors: Bo Stråth, Peter Wagner
Title: European Modernity. A Global Approach
Place: London
Publisher: Bloomsbury
Year: 2017
ISBN: 9781350007086
URL: link to the title

Reviewer Christoph Cornelißen - FBK-ISIG

Citation
C. Cornelißen, review of Bo Stråth, Peter Wagner, European Modernity. A Global Approach, London, Bloomsbury, 2017, in: ARO, II, 2019, 2, URL https://aro-isig.fbk.eu/issues/2019/2/european-modernity-christoph-cornelissen

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Seit der Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts bildet die Rede von einer europäischen Moderne den grundlegenden Bestandteil eines rasch ausufernden philosophisch-historischen Diskurses über die Besonderheiten dieser Weltregion. Obwohl dabei unterschiedliche europäische Moderne-Vorstellungen untereinander konkurrierten, ist gleichzeitig kaum zu übersehen, dass sich im Laufe des 19. Jahrhunderts sowohl in der Geschichtsschreibung als auch in sozialwissenschaftlichen sowie philosophischen Abhandlungen die Vorstellungen von Europa als dem Zentrum der Moderne verfestigten – mit weitreichenden Folgen für die Verständigung über alle damit zusammenhängenden Fragen bis zur Gegenwart. Von Europa aus hätten sich – so lauten einige dieser Vorannahmen – die großen Transformationen hin zur modernen Demokratie, hin zur modernen und liberal verfassten Marktwirtschaft, hin zur Herrschaft des Rechts sowie der Garantie individueller Freiheitsrechte durchgesetzt, um sodann auf den gesamten Globus auszustrahlen. Offensichtlich sieht sich ebenfalls die Europäische Union mit dem Lissabon-Vertrag dieser Tradition verpflichtet, definiert sie doch darin als die Aufgabe aller Mitgliedstaaten, die Rechte des Individuums, Demokratie, Solidarität und die Herrschaft des Rechts als universale Prinzipien zu verteidigen. Auch seither hat die Europäische Union keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie sich weltweit als Verteidigerin genau dieser Prinzipien betrachtet.

Einer solchen Annahme aber steht die Ausgangshypothese des vorliegenden Bandes diametral entgegen, denn zum einen habe Europa keineswegs das Zentrum der Moderne abgegeben, wie immer wieder behauptet wurde, und zum anderen stelle sich das, was von verschiedener Seite als europäische Moderne definiert wurde, als weit weniger modern dar, als zeitgenössische Entwicklungen in anderen Teilen der Welt dies zu erkennen geben. Man müsse deswegen nicht, so flechten die Ko-Autoren Bo Stråth und Peter Wagner jedoch sogleich ein, auf das Konzept der Moderne oder auch auf die Rede von einer europäischen Moderne verzichten, aber dies setze voraus, dass die entsprechenden Debatten in globale Kontexte eingebettet werden müssten.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, zeichnet der vorliegende Band die Entstehungsgeschichte sowie den Wandel der Diskurse über die Moderne Europas sorgfältig nach. Dabei unterscheidet er zwei Haupterzählstränge, einen historisch-philosophischen, der sich seit der Philosophie der Aufklärung durch eine Emphase auf die Autonomie des Individuums ausgezeichnet habe. Zum anderen beleuchtet er historisch-sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die europäische Moderne, die sich in ihren heute klassischen Versionen auf eine Doppelrevolution seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert beziehen und darin das besondere Kernmerkmal der „Epoche Europas“ identifiziert haben. Obwohl es nie an Kritik genau an dieser Einordnung gefehlt habe, hätten die eng aneinander gekoppelten Bilder vom Durchbruch der Idee der Volkssouveränität sowie der industriellen Revolution als Rahmensetzung für den wirtschaftlich-sozialen Aufstieg breiter Schichten sich als ausgesprochen wirkmächtig erwiesen. Dass in der zweiten Nachkriegszeit vor allem die Vormacht der Modernisierungstheorien die Persistenz solcher Deutungsansätze absicherte, darf heute als sehr gut bekannt gelten. Stråth und Wagner zeigen aber darüber hinaus, wie sehr sich ungeachtet vieler gegenteiliger Bekundungen Rudimente der entsprechenden Erzählungen bis in die Gegenwart finden lassen. Sie tauchten selbst dort auf, wo neuere Darstellungen im Zeichen der Postmoderne das Ende der großen Erzählungen verkündeten, dann aber in Bezug auf die Globalisierung erneut Versatzstücke des überkommenen Ansatzes tradierten.

Zu den Vorzügen des Bandes gehört es, dass er auf knappem Raum jeweils die Grundzüge der Diskurse über spezifische, vermeintlich europäische Werte und Institutionen nachzeichnet, um sie sodann in breitere welthistorische Kontexte einzuordnen. Darüber zeigen die Autoren eindringlich auf, dass weder die Ideen einer politischen Moderne (der Weg von der antiken Demokratie hin zu modernen demokratisch-parlamentarischen Systemen) noch der Bezug auf die Industrialisierung und die Herausbildung einer liberal- kapitalistischen Marktordnung als Beleg für eine europäische Moderne herhalten könnten. Allein schon die weit voneinander abweichenden Regelungen in Europa sprächen dagegen. In wirtschaftlicher Hinsicht könne auch deswegen nicht eine normative und funktionale Überlegenheit Europas für den Durchbruch seiner temporären wirtschaftlichen Vorherrschaft angeführt werden, weil es sich dabei im Kern um das Resultat der transatlantischen Handelsbeziehungen in einer spezifischen historischen Phase gehandelt habe (u.a. durch die Ausbeutung afrikanischer Sklaven und amerikanischer Böden). Auch im Hinblick auf die überkommenen Ansprüche der Europäer, bei der Garantie der politischen Autonomie des Individuums sowie bei der Trennung von Religion und Staat den Weg in die Moderne gewiesen zu haben, erkennen Stråth und Wagner einerseits eigentümliche Ambivalenzen innerhalb Europas, andererseits zeigen sie auf, wie sehr die Konzepte der europäischen Moderne auf diesen Gebieten sich tatsächlich erst im direkten Austausch mit Verhältnissen in Amerika, Asien und Afrika, aber auch in Bezug auf innereuropäische Spannungen jeweils neu gebildet hätten. Die eher fehlgeleitete Säkularisierungsthese sei endgültig mit der massiven Wiederkehr der Religion in den politischen Raum ad acta zu legen.

Der Band streift all diese großen Themen in souveräner Manier, wobei er ein um das andere Mal auf die Feststellung der Verflechtung der Entwicklungen in Europa mit außereuropäischen Prozessen, Institutionen und Konflikten rekurriert. Das wirkt insgesamt überzeugend, wenngleich einige Elemente davon inzwischen auch als recht vertraut gelten dürfen; gleichzeitig bleiben Wiederholungen nicht aus. Im Vergleich zu den insgesamt überzeugend ausformulierten sachthematischen Kapiteln mutet der dritte und letzte Teil des Bandes streckenweise etwas problematisch an. Denn die Autoren steigern auf diesen Seiten die ohnehin recht große Flughöhe der Argumentation nochmals, indem sie die großen Umbrüche der europäischen Moderne in den Mittelpunkt rücken. Im Gefolge der Überlegungen von Kenneth Pomeranz über „The Great Divergence“ gehen sie hier der Transformation von der „begrenzten liberalen Moderne“ in die „organisierte Moderne“ während der 1870er-Jahre nach, die sich über einen Zeitraum bis zum Ende der 1960er-Jahre erstreckt habe. Auf die Hochphase der „organisierten Moderne“ in diesem Jahrzehnt, die der Hoffnung Auftrieb gegeben habe, dass stabile Regierungsinstitutionen und eine dynamische Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft dauerhaft Stabilität erbringen würden, sei im Zeichen der nachfolgenden Krisen eine Transformation in die neue Unübersichtlichkeit und Unsicherheit der Gegenwart gefolgt. Als Merkmale der neuen Ordnung identifizieren die Autoren eine generelle Auflösung von Raum und Zeit. Weiterhin kennzeichneten diese neue Phase die abnehmende Bedeutung der Nationalstaaten, ebenso von intermediären politischen und sozialen Instanzen wie Parteien und Gewerkschaften, dazu wachsende Schwierigkeiten, individuelle Rechte im Zuge der Globalisierung zu wahren.

Alles das liest sich zwar mit Gewinn, weil die politischen und kulturellen Begleiterscheinungen einer globalen Moderne vielfach überhaupt erst noch untersucht werden müssen. Und doch scheint in diesen Passagen entweder direkt oder indirekt der Stil einer älteren historischen Sozialwissenschaft auf, die mit ihren Argumenten an die klassischen Debatten über die europäische Moderne erinnert, also genau an das, von dem Stråth und Wagner sich absetzen wollen. Es irritiert außerdem, dass die neuen Debatten zur Europäisierung allenfalls am Rande wahrgenommen werden, was wohl auch damit zusammenhängen könnte, dass die hierfür einschlägig bekannten Autoren nicht berücksichtigt werden.

Ungeachtet dieser Kritik bietet der vorliegende Band einen großen Nutzen, weil er einen systematischen Einstieg in die verwinkelten Debatten über den Mythos der Moderne Europas bietet. Zugleich folgt man den Autoren gerne bei ihrem Abschlussappell zu einer öffentlichen Grundsatzdebatte über zentrale Kategorien des Konzepts der europäischen Moderne, gerade auch aus politischen Gründen. Man würde freilich gerne auch ergänzen, dass dabei die Annäherung an die Strukturen am Boden sich als sehr nützlich erweisen könnte, erschöpft sich doch die Debatte über die europäische Moderne nicht allein über einen Rekurs auf Diskurse.

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