II, 2019/2

Angelo d'Orsi

1917

Review by: Thomas Kroll

Authors: Angelo d'Orsi
Title: 1917. L'anno della rivoluzione
Place: Bari-Roma
Publisher: Laterza
Year: 2017
ISBN: 9788858126127
URL: link to the title

Reviewer Thomas Kroll - Friedrich-Schiller-Universität Jena

Citation
T. Kroll, review of Angelo d'Orsi, 1917. L'anno della rivoluzione, Bari-Roma, Laterza, 2017, in: ARO, II, 2019, 2, URL https://aro-isig.fbk.eu/issues/2019/2/1917-thomas-kroll

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Die Geschichte des Ersten Weltkriegs ist in den letzten Jahren der Gegenstand zahlreicher Darstellungen gewesen, die in der Historiographie wie auch beim historisch interessierten Publikum auf großes Interesse gestoßen sind. Während zunächst die Anfänge des Kriegs 1914 und die Schuldfrage diskutiert wurden, sind mittlerweile das Kriegsende, die Revolutionen und namentlich das Jahr 1917 in den Fokus gerückt. Besonders großes Interesse richtet sich auf die russischen Revolutionen von 1917, aber auch auf die gesellschaftlichen und politisch-militärischen Krisen, die sich in der zweiten Kriegshälfte abzeichneten. In diese Reihe neuer Publikationen lässt sich das Werk von Angelo d’Orsi einordnen, der das Jahr 1917 zwar als „Jahr der Revolution“ bezeichnet, aber damit keineswegs nur die Oktoberrevolution in Russland in den Blick nimmt. Das Jahr 1917 wird in gewisser Weise als ein Jahr der Wende geschildert, in dem eingespielte Denkweisen gebrochen oder Herrschaftsverhältnisse hinterfragt wurden und sich mehr oder minder offene Proteste der Volksschichten nicht mehr unterdrücken ließen. In seiner Darstellung geht es dem Turiner Historiker um ein umfassendes Bild des Kriegs im Jahr 1917, das er mittels einer streng chronologisch, nach Monaten angeordneten Erzählung rekonstruiert. Auf diese Weise werden die großen Ereignisse des Jahres thematisiert und geschickt mit einer Vielzahl von Ereignissen ‚geringerer‘ Relevanz erzählerisch verwoben, welche die „Atmosphäre jenes Jahres“ (VII) fassbar machen soll. Dabei lässt sich der Band von der „Botschaft“ leiten, dass der Erste Weltkrieg ein „widerliches Blutbad“ gewesen sei, auf das „die Menschheit hätte verzichten können und müssen“ (VII-VIII). Darüber hinaus wird der Erste Weltkrieg als tiefer Einschnitt betrachtet, der die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts in hohem Maße beeinflusst habe: „Die Modernität, die der Große Krieg herbeigeführt hat, ist das Vorzimmer der Massenpolitik, enormen sozialen Wandels, der Revolutionen und der Gegenrevolutionen, des Totalitarismus.“(6) Trotz dieser leitenden Perspektive wird der Band dennoch mehr durch das erzählerische Talent des Verfassers als durch eine analytische Fragestellung zusammengehalten. So liegt eher eine mosaikartige Erzählung vor, die sich aus ereignisgeschichtlichen Schilderungen, analytischen Passagen und anschaulich dargelegten Episoden zusammensetzt. Obwohl das Buch ein chronologisches Design hat, lassen sich einige Protagonisten ausmachen, denn die politisch-militärischen Eliten und ihr Bestreben, den Krieg bis zum Ende auszufechten, die sozialistischen Bewegungen und die leidtragenden Volksschichten spielen eine besonders wichtige Rolle. Zudem kommen auch die Entwicklungen in Italien ausführlicher zur Sprache, da sie oft den Ausgangspunkt und gewissermaßen das Zentrum der Struktur der Erzählung bilden. Doch blendet das Buch auch auf andere Länder aus, oft auf Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Russland. Dabei folgen die einzelnen Kapitel den ‚großen‘ Ereignissen, seien es ‚Caporetto‘, der Kriegseintritt der USA oder die Revolutionen in Russland, welche die regierenden Eliten ebenso wie die Oppositionsgruppen zu Reaktionen zwangen oder auch die Volkschichten zu Protesten veranlassten. In die Darstellung gelegentlich eingeschoben werden problemorientierte Reflexionen, die d’Orsi über das Jahr 1917 hinaus manchmal sogar bis an die Schwelle der Gegenwart weiterführt (so etwa bei den Ausführungen zum Aufkommen des Marienkults und seiner kompensatorischen Funktionen). Darin ist sicher eine der Stärken des Buches zu sehen, das freilich nicht immer auf dem neuesten Forschungsstand ist. Allerdings gelingt es d’Orsi, den Leser mit seiner Erzählweise in die „Atmosphäre“ der Epoche zu versetzen und damit eine kritische Reflexion der Ereignisse des Revolutionsjahres 1917 anzuregen.

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